+
Überreste eines Autos nach regierungsfeindlichen Protesten im Iran. 

Leitatikel

Ausbruch des Volkszorns im Iran - gegen das Regime

  • schließen

Die jüngsten Proteste im Iran zeigen, wie groß die Kluft zwischen den Bürgern und dem Mullah-Regime ist. Sie lässt sich sich nicht mehr überbrücken. Der Leitartikel. 

Bis heute rückt Teheran nicht mit der ganzen Wahrheit heraus. Zwar räumte das iranische Regime zwei Wochen nach den nationalen Unruhen erstmals ein, dass Demonstrantinnen und Demonstranten und auf den Straßen der Islamischen Republik starben. Wie viele Menschen genau in den Salven der Scharfschützen umkamen, dazu schweigen die Verantwortlichen, während sie die Erschossenen als Schläger und Randalierer denunzieren.

Amnesty International allein dokumentierte mindestens 208 Tote, viele durch Kopfschüsse regelrecht hingerichtet, und vermutet noch weit mehr Opfer. Andere Menschenrechtler sprechen von einem beispiellosen Ausmaß staatlicher Gewalt und gehen von bis zu 450 Toten aus. Obendrein wurden 7000 Menschen festgenommen, denen nun Folter und Hinrichtungen drohen.

Im Iran leben viele an der Armutsgrenze

Insofern markieren die jüngsten Unruhen für den Iran, dessen Bürgerinnen und Bürger– gemessen an den nationalen Bodenschätzen – eigentlich zu den Wohlhabendsten der Welt zählen müssten, einen Wendepunkt mit möglicherweise historischen Folgen. Ausgelöst durch eine Erhöhung des Benzinpreises breiteten sich die Proteste wie ein Flächenbrand aus bis in die letzten Winkel des Landes.

In mehr als hundert Städten machten die Menschen ihrem Zorn Luft. Über tausend Regierungsgebäude, Banken, Polizeistationen und Tankstellen gingen in Flammen auf. Auch in Teilen der Hauptstadt Teheran kam es zu offenem Aufruhr.

Iran hat Atomabkommen schritt für Schritt annulliert

Die dramatischsten Zeugnisse jedoch stammen aus kleineren Städten und abgelegenen Regionen. Die jungen Menschen dort sind absolut frustriert. Sie sehen keinerlei Perspektiven für ihr Leben. Die Hälfte der 80 Millionen Iraner lebt an der Armutsgrenze. In ihren Augen hat die herrschende politisch-klerikale Elite durch Repression und Vetternwirtschaft, durch Korruption und Missmanagement jede Legitimation verloren. Deren Revolution vor vierzig Jahren gegen den Diktator Schah Reza Pahlevi ist längst verblasst. Für den iranischen Nachwuchs dagegen heißt der neue Diktator Ajatollah Ali Khamenei.

Gleichzeitig herrscht – ähnlich wie im Iran – in anderen Nationen der Region ebenfalls ein neuer Wind. Mit den Massenprotesten in Libanon und Irak wackelt auch die iranisch-schiitische Machtachse quer durch die arabische Kernregion. Aus Beirut und Bagdad, Nadschaf und Kerbela schlagen der Islamischen Republik offene Aversionen entgegen.

Risse im Fundament des Iran

Im Bürgerkriegsland Syrien dürfte die Wut der geschundenen Bevölkerung gegen die Teheraner Machtkomplizen des Regimes von Bashar al-Assad kaum geringer sein. International steht das Atomabkommen nach dem einseitigen Ausstieg der USA vor dem Kollaps, weil Teheran den Vertrag inzwischen Schritt um Schritt annulliert, und Europa keinen Konflikt mit den Vereinigten Staaten riskieren will.

Entsprechend hektisch und fahrig wirken die Versuche der iranischen Führung, an allen Fronten wieder festeren Boden unter die Füße zu bekommen. Eilends werden Einfuhrlisten für die nötigsten Güter erarbeitet. Emissäre reisen nach Beirut und Bagdad und drängen auf harte Konfrontation mit den dortigen Demonstranten.

Die revolutionäre Strahlkraft ist dahin

Am Wochenende gibt es in Wien ein Treffen zum Atomvertrag. Aber vor allem daheim haben es die 1979er Revolutionäre der ersten Stunde nicht geschafft, die nachfolgenden Generationen von dem religiös-ideologischen Wert der Islamischen Republik zu überzeugen.

Revolutionsführer Khamenei, der seit drei Jahrzehnten an der Spitze steht, ist mittlerweile 80 Jahre alt. Präsident und Regierungschef Hassan Ruhani hat die 70 überschritten. In diese heikle Phase des biologisch absehbaren Machtübergangs brechen nun die Massenproteste der jungen Iranerinnen und Iraner mit ihrer tektonischen Kraft.

Die Risse im Fundament des iranischen Gottesstaates klaffen immer gewaltiger. Sie sind nicht mehr zu kitten, weder politisch noch ökonomisch und schon gar nicht religiös. Die revolutionäre Strahlkraft von einst ist dahin. Der jüngste Aufruhr der Bevölkerung war der größte seit der Islamischen Revolution 1979, räumte dieser Tage der iranische Innenminister kleinlaut ein. Und nicht nur er weiß, der nächste, noch heftigere Ausbruch des Volkszorns ist nur eine Frage der Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare