Kolumne

Interne Planungsfehler

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Dass da im Ganzen etwas nicht stimmt: Das ist’s, was viele spüren. Populisten haben es umso leichter, je mehr Leute glauben, dass das Ganze nicht mehr verbessert wird. Die Kolumne.

Pannen bleiben besser im Gedächtnis als alles andere. Im Jahresrückblick wimmelt es deshalb nur so von schlechten Erfahrungen, vor allem bei Reisen. Keine Flugzeugtreppe da, kein Lokführer, kein Speisewagen, kein Reis zum angepriesenen Gemüsecurry, keine Crew, kein Zugbegleitpersonal, technische Funktionsstörungen sowieso. Und kürzlich noch mal Streik.

Nun ist es von jeher eine der billigsten Übungen im Journalismus, sich an Verkehrsbetrieben abzuarbeiten. Das Publikum freut sich da immer, und die Kritisierten schlagen selten zurück, wegen des Publikums. Inzwischen aber hat das Thema eine andere Dimension angenommen. Es geht nicht mehr nur ums Einzelversagen und nicht mehr um den Verkehr alleine. Kontrollverlust ist das Stichwort dafür. Mit allerlei politischen Trittbrettfahrern, vor allem weit rechts.

Das Gefühl dahinter: Das ganze Land funktioniert nicht mehr, von wegen nur Bus und Bahn. Da reiht sich die Wirtschaft ein, wenn sie Bildungsstand und Motivation ihrer Lehrlinge beklagt. Oder der grüne Provinzbürgermeister Boris Palmer aus Tübingen, wenn er die Hauptstadt Berlin geißelt und von dort zurückgespottet wird. Talkshowreif ist das Thema längst. Aber wird die Frage nach der Pannenrepublik auch richtig gestellt? Jedenfalls nicht, wenn sie als platte Schuldfrage daherkommt.

Unverkennbar ist vieles objektiv überlastet, technisch wie personell. Durch die Zuzugswelle in die Städte, die rapide wachsende Mobilität im Alltag, den zusätzlichen Integrationsaufwand an Kitas und Schulen in einer auseinanderfallenden Gesellschaft. Die Systeme entsprechen nicht mehr den Anforderungen, Infrastruktur wird nicht gut genug unterhalten geschweige denn modernisiert, Technik und Vorschriften sind hyperkomplex geworden, Belastbarkeit und Belastungsbereitschaft vieler Menschen lassen nach. Eines hat mit dem anderen zu tun, ohne dass dies irgendjemanden entschuldigt.

Es ist der Blick auf die Aufgaben des Staates, der sich ändern muss. Zu viel ist da auf Kante genäht. Jede kleine Panne zieht eine Kaskade von Problemen nach sich, klassisch im Zugverkehr. Jedes Outsourcen von Teilleistungen an Privatfirmen führt dazu, dass es noch mehr Zahnrädlein im System gibt, denen das Funktionieren des Gesamtapparats ziemlich egal sein kann.

Dass da im Ganzen etwas nicht stimmt: Das ist’s, was viele spüren. Umso leichter haben es Populisten, je mehr die Leute das Gefühl haben, dass an der Verbesserung des Ganzen nicht mehr gearbeitet wird. Was bedeutet: Um Verantwortung muss es wieder gehen, nicht um ihr Vermeiden. Um große Investitionen und Disziplin im Alltag. Die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten ist mal ein linkes Thema gewesen. Wer es nicht anpackt, spielt den Vereinfachern in die Hände.

Bei der Bahn haben sie irgendwann angeordnet, dass den Reisenden bei Pannen Begründungen gegeben werden sollen – oder mindestens etwas, das nach Begründung klingt. Die schönste ist schon eine Weile her: „Wegen eines internen Planungsfehlers verschiebt sich die Abfahrt des Zuges um wenige Minuten.“ Dann sah man draußen eine Lok vorbeifahren, sie war am falschen Ende angekoppelt worden.

Immerhin, die Ansage unterstellte noch die Existenz von Planung. Der Zug fuhr dann tatsächlich irgendwann los, in die richtige Richtung. Kein Versagen ist unabwendbar, wenn sich jemand kümmert.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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