Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auf dem Spiel stehen Austausch, Ausgleich und Aussöhnung auf dem Kontinent.
+
Auf dem Spiel stehen Austausch, Ausgleich und Aussöhnung auf dem Kontinent.

Brexit-Debatte

Die Insel-Tragödie

  • Barbara Klimke
    VonBarbara Klimke
    schließen

Großbritannien läuft Gefahr, sich vom Kontinent nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich und intellektuell zu entkoppeln.

Was verloren ist, kommt nie zurück: „What is lost, is lost forever.“ Das ist eine Warnung, die der Künstler Wolfgang Tillmans seit Wochen plakativ über England verteilt. Tillmans, der abwechselnd in London und Berlin lebt, hat eine bunte Poster-Serie entworfen, um die Briten zu erinnern, worum es bei der Abstimmung um den Verbleib in der Europäischen Union wirklich geht. Nicht um die harten Zahlen zu Wirtschaft und Migration, die sich beide Seiten, die Pro- und Antieuropäer auf der Insel, zuletzt zunehmend zänkisch entgegen schleuderten: Zölle und Exportziffern einerseits – Zuwanderungsstatistiken anderseits.

Auf dem Spiel stehen vielmehr Austausch, Ausgleich und Aussöhnung auf dem Kontinent; jene Anliegen also, die auch der ermordeten Labour-Abgeordneten Jo Cox wichtig waren. Erst wenn das blaue Band zwischen den EU-Nationen zerschnitten ist, so ist zu fürchten, wird Europa spüren, welche Werte es tatsächlich unwiederbringlich verloren hat.

´Es ist kein Zufall, dass es sich bei Tillmans Plakat-Aktion um die mit Abstand eindrucksvollste nicht-politische Stellungnahme zur Brexit-Debatte handelt. Dem in Remscheid geborenen Foto-Künstler wurde 2000 als erstem Nicht-Engländer der Turner-Preis verliehen, die höchste Auszeichnung, die Großbritannien in der modernen Kunst zu vergeben hat.

Diese Auszeichnung steht beispielhaft für eine öffentliche Wertschätzung europäischer Kulturschaffender, die vor zwei bis zweieinhalb Jahrzehnten auf der Insel in diesem Ausmaß noch kaum vorstellbar war. Besonders unter deutschen und britischen Architekten, Kuratoren und Museumsdirektoren hat ein regelrechter Ringtausch stattgefunden: Der Stuttgarter Martin Roth leitet das Londoner Victoria and Albert Museum, der Hamburger Hartwig Fischer wurde gerade zum Direktor des British Museum berufen; im Gegenzug hat dessen Vorgänger, Neil MacGregor, ein Intendantenposten im Berliner Humboldtforums übernommen; Norman Forster entwarf die Reichstagskuppel; und die Berliner Philharmoniker werden von Sir Simon Rattle dirigiert.

Der Dialog steht auf dem Spiel

Kulturelles Wirken über die engen nationalstaatlichen Grenzen hinweg, scheint heute auf dem Kontinent die Norm zu sein. Jedoch warnt der Direktor der Londoner Tate Gallery, Nicholas Serota, vor der Naivität, diesen Austausch für eine Selbstverständlichkeit zu halten.

Britische Kunst, sagte er dieser Tage, sei niemals insulär, sondern stets vom Kontinent beeinflusst gewesen: Ob das Königreich nach einem Brexit weiter in der Lage sein werde, Kuratoren aus Spanien, Italien oder Deutschland anzulocken, sei fraglich. Ein Verstummen des künstlerischen Dialogs, ein Ende des Ideenaustauschs mit Paris, München oder Barcelona werde unweigerlich zum Qualitätsverlust der Kunstausstellungen führen.

Der Künstler Tillmans hat düstere Ahnungen weit über den Kunstbetrieb hinaus. Wie vor dem Ersten Weltkrieg sieht die Europäer als Schlafwandler auf einen Abgrund zu taumeln und eben jene EU-Institutionen der Demokratie, Diskussion und des Ausgleichs zerstören, die uns das Leben erlauben, das wir heute führen. Seine Plakate sollen ein Weckruf sein.

Es gibt gute Gründe, die Besorgnis zu teilen. Dazu reicht es, den Argumenten der britischen Brexit-Befürworter zuzuhören. Der frühere Arbeitsminister Iain Duncan Smith, noch bis März 2016 Mitglied in David Camerons Kabinett, ging jüngst bei einer Veranstaltung in Berlin so weit, der Europäischen Union ihre Beitrag zur Friedenssicherung auf dem Kontinent abzusprechen. Diese Aufgabe, sagte er, werde nicht von der EU, sondern von der Nato geleistet.

Diese Aussage ist deshalb so bedenklich für einen ehemaligen Parteichef und Minister, weil ein Austausch auf höchster Militärebene kaum das Gespräch unter Bürgern und Parlamentariern, Künstlern, Regierungsbeamten, Politikern und Schulklassen ersetzten kann. All das, und mehr, ermöglicht bekanntlich die EU. Und all das steht auf dem Spiel, wenn Großbritannien die Leine nach Brüssel kappen sollte.

Ohnehin sind die Vorstellungen der britischen EU-Gegner befremdlich: Mit einem Schlag der Axt, so lautet der Slogan, werde sich die Insel von allen Komplexitäten und Kompromissen des modernen Lebens befreien und künftig ihr Schicksal selbst bestimmen können.

Dieses ideelle Versprechen verstellt indes den Blick auf die Wirklichkeit im Vereinigten Königreichs. Denn viele der Probleme, die Brüssel angelastet werden, sind selbstverschuldet, von der relativ geringen wirtschaftlichen Produktivität bis zur hohen Verschuldung der Privathaushalte. Ein EU-Austritt wird kaum die Lösung sein.

Fest stehen dürfte, dass Großbritannien, im Fall der Fälle, ein paar Freunde auf dem Kontinent verliert. Verlieren wird es auch seinen Ruf, ein verlässlicher, wenngleich kritischer Partner zu sein, der bereit ist, sich in der Welt, zum Wohle aller, zu engagieren. Vertrauen gewinnt man so schnell nicht zurück. What is lost, is lost forever.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare