Kolumne

Influencer und Meisterzwang

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Während sich die einen meisterlich in Szene setzen, müssen andere künftig wieder einen Meisterbrief vorweisen. Letzteres ist nicht vollständig falsch.

Eigentlich ist es ja schön, wenn jemand etwas kann. Auch schön ist, wenn jemand der nichts kann, versucht, sich ein Können anzueignen. Der Volksmund nennt dies „lernen“. Besonders schön ist, wenn er darin Fortschritte verzeichnet.

Schwimmen lernen etwa funktioniert beim Menschen ganz gut, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad. Schon nach kurzem Üben vermag er zwar sofortiges Versinken zu verhindern, später sogar kleinere Strecken zurückzulegen. Eine halbe Weltreise hingegen, wie etwa Lachse sie unternehmen, wird ihm nie vergönnt sein. Das macht ihn neidisch, deswegen baut er sich Kreuzfahrtschiffe, setzt sich darauf und verzehrt unablässig Lachse. Aber das ist ein anderes Thema.

Was viele der kreuzfahrenden Neidhammel vergessen: Das Schwimmen ist dem Lachs von Natur aus gegeben. Er braucht keinen Unterricht, und er muss sich nicht mühsam zuerst ein Seepferdchen und schließlich weitere Abzeichen erkämpfen. Er kann es einfach – und das reicht ihm dann aber auch.

Das ist das Schöne am Tierreich. Man gibt sich dort zufrieden mit dem, was man hat. Kein Braunbär etwa käme auf die Idee, es dem Zeisig gleichtun zu wollen und zirpend und frohlockend durch die Lüfte zu schwirren. Kein Steinadler beneidet das Chamäleon um dessen Wandlungsfähigkeit, und kein Nilpferd wünscht sich die Taille einer Wespe. Tiere sind nicht vermessen.

Anders bei dem modernen Menschen. Immer mehr von uns wollen immer alles haben, wissen und können, am besten sofort und gleichzeitig und schon immer. Ohne Abitur und ohne Smartphone sind wir weniger wert als eine Amöbe, das bekommen wir schon als Kleinkinder vermittelt.

Einerseits. Andererseits macht unsere Gesellschaft schon jemanden zum Star, wenn er in der Lage ist, mit einem Happs eine Kaulquappe zu verschlingen. Superstar ist dann der, der einigermaßen unfallfrei ein Liedchen mit drei Akkorden singen kann. Wer Mehlmischungen mit Wasser anrühren kann, darf sich Bäcker nennen, und Köche, Gärtner, Heiler, Kameraleute, Fotografen, Gastrokritiker, Fußballtrainer, Politiker und Handwerker sind wir sowieso alle.

Es gibt kaum etwas, was wir alle nicht besser können als andere. Über uns steht niemand – außer Angehörige einer Berufsgruppe, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Es ist die geheime Gilde der „Influencer“. Das sind Leute, die von wirklich gar nichts eine Ahnung haben, das aber so perfekt in Szene setzen können, dass alle anderen vor Ehrfurcht erstarren und in Sekundenschnelle zu Jüngern werden, neudeutsch gesprochen zu „Followern“.

Vor diesem Hintergrund mutet es doch so was von unglaublich an, dass etwas wieder eingeführt werden soll, von dem viele glaubten, es sei zusammen mit der Hexenverbrennung abgeschafft worden – der Meisterzwang. In der Tat darf Tätigkeiten wie Raumausstatten, Fließenlegen, Rolladenbau, Lichtreklameherstellung sowie acht weitere Berufe bald nur ausüben, wer über einen Meisterbrief verfügt und auch ausbildet.

Ein guter Ansatz. Nur sollte gewährleistet sein, dass dafür kein Abitur gebraucht wird – und erst recht kein großes Maul. Hauptschulabschluss, ehrliches Interesse am Job und gesunder Menschenverstand sollten genügen. Vielleicht färbt das dann ja auch ab auf andere Berufssparten.

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