1. Startseite
  2. Meinung

In Mali ist es für Wahlen noch zu früh

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Eine Bäuerin im westafrikanischen Mali mit ihren Schafen.
Eine Bäuerin im westafrikanischen Mali mit ihren Schafen. © epd

Der Staat, der einst Liebling des Westens war, braucht erst eine Stärkung der Zivilgesellschaft. Ein Gastbeitrag von Christian Volkmar.

Mali war einmal ein demokratisches Musterland. Es war über Jahrzehnte der afrikanische Liebling der westlichen Welt. Das Land galt nach schweren Bürgerkriegsjahren in Afrika als beispielhaft für eine gelungene Aussöhnung und eine effektive Dezentralisierung des Staates. Alle politischen Entwicklungen bewegten sich im Rahmen des westlichen Wertekanons. Diese Zeiten sind lange vorbei. Das ist spätestens jetzt mit dem Rückzug des französischen Militärs und seinen Verbündeten klar geworden.

Wer Mali regelmäßig aufsuchte, der wusste: Spätestens seit dem dschihadistischen Vormarsch vor zehn Jahren, der im Süden des Landes dann ein Jahr später vom französischen Militär gestoppt wurde, ist von einer wertebasierten Politik nicht mehr viel übriggeblieben. Das hat auch - aber eben nicht nur – mit dem Terror zu tun. Denn schon zuvor hatten sich korrupte Eliten die staatlichen Pfründe ohne Skrupel zugeschoben. So lange, bis das Volk in Mali den Nutzen der Demokratie kaum noch zu erkennen vermochte.

Kriminelle Banden verbreiten regelrecht Terror

Denn dem Volk geht es schlecht. Die Zahlen sind niederschmetternd: 7,5 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Sie können nicht mehr für sich selbst sorgen, obwohl sie nichts mehr als das für sich und ihre Familien wollen. 550 000 Malier sind auf der Flucht – innerhalb und außerhalb des Landes. Dieser Teil der Bevölkerung ist sogar komplett auf Hilfe von außen angewiesen.

Der Zugang jedoch zu denen, die in Mali Unterstützung brauchen, wird für Hilfsorganisationen wie Caritas immer schwieriger. Bewaffnete Gruppen mit politisch-militärischem Anstrich, die oftmals aber schlicht kriminelle Banden sind, verbreiten mittlerweile fast landesweit Terror. Der malische Staat hat sein wichtigstes Machtmittel verloren: das Gewaltmonopol. Aus eigenem Verschulden. Denn das Volk traut dem vorgeblich demokratischen Staat nicht mehr. Vom Musterland Mali ist wenig übriggeblieben.

Mali - einst Musterland, heute Vormarsch des Dschihadismus

Für die zivilgesellschaftliche Arbeit von Hilfsorganisationen haben diese Veränderungen zur Folge, dass die Arbeit sehr gefährlich geworden ist, weil Helfer entführt und ermordet werden. Dabei ist Hilfe dringender denn je: Der humanitäre Bedarf ist von Jahr zu Jahr stark gestiegen. Einer der wesentlichen Gründe liegt in den massiven konfliktinduzierten Vertreibungen.

Der Autor

Christian Volkmar ist Leiter des Regionalbüros von Caritas International Westafrika in Dakar (Senegal).

Um nachhaltige Hilfe und Entwicklung möglich zu machen, bräuchte das Land vor allem eine Stärkung der Zivilgesellschaft. Eine Unterstützung der Graswurzel-organisationen, die sich teils seit Jahrzehnten für Nothilfe, Armutsbekämpfung und Menschenrechte stark machen. So wie etwa der Caritas-Partner „Enda Mali“, der als Mitglied des Netzwerkes „Enda Tiers-Monde“ eine der größten internationalen Nichtregierungsorganisationen des Südens ist.

In Westeuropa und den USA nehmen dieser Tage viele den Menschen in Mali übel, dass sie sich von den demokratischen Institutionen abgewendet haben und teilweise den Putsch vom Mai 2021 sogar begrüßen. Aber die Kritik übersieht die vergangenen 20 Jahre – sie übersieht, wie sich Eliten bereichert haben, die mit Armutsbekämpfung und Demokratie wenig im Sinn hatten. Und sie übersieht die schleichende Erosion der Demokratie.

Die Menschen wollen Essen, Wasser, Strom, Arbeit

Dabei ist das, was Malierinnen und Malier sich wünschen, denkbar einfach: Sie wollen eine Perspektive für sich und ihre Familien: Ausreichend Essen, fließend Wasser, Strom, eine bezahlte Arbeit. Vollkommen unabhängig von der an der Macht befindlichen Regierung.

Bei der dafür nötigen Stärkung der zivilgesellschaftlichen Gruppen ist auch Hilfe aus Deutschland gefordert. Und es braucht eine langfristig angedachte Re-Demokratisierung. Das wird nicht über Nacht gehen können. Die Risiken für demokratische Wahlen wären aufgrund der Sicherheitslage derzeit unserer Überzeugung nach zu groß. Aber dieser Prozess darf auch nicht fünf Jahre dauern, wie die Putschisten das angekündigt haben.

Mali braucht eine stärkere Zivilgesellschaft

Was es auch nicht braucht, sind Sanktionen, wie diese gerade etwa von der Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten (Ecowas) verhängt wurden. Sie treffen unserer Erfahrung nach vor allem die sogenannte „einfache Bevölkerung“. Solche Sanktionen haben in der Regel vor allem einen Effekt: Hilfsprojekte können nicht fortgeführt werden, Arbeitslosigkeit und Armut steigen weiter.

Aber braucht Mali vielleicht eine Fortsetzung des militärischen Mandats der Bundeswehr? Nach dem Abzug der französischen Truppen stellt sich diese Frage aktuell umso dringlicher. Wir als Caritas international sind uns da nicht so sicher. Zu fragen ist immer: Wer wird unterstützt? Mit welchen Zielen? Davon hängt letztlich jegliches Engagement ab. Egal, ob politisch, militärisch oder humanitär. Wir haben in Afghanistan erlebt, was passieren kann, wenn diese Fragen nicht eindeutig beantwortet werden.

Auch interessant

Kommentare