Die Politik muss in die Offensive gehen.
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Die Politik muss in die Offensive gehen.

Leitartikel

In die Offensive gehen

  • Steven Geyer
    vonSteven Geyer
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Keine Krise ist mit Eigenverantwortung allein abzuwenden. Die Politik macht es sich zu einfach – und sollte handeln. Der Leitartikel.

Die Deutschen sind ein Volk der Vorsichtigen. Sie schwören auf gesetzliche Grenzwerte für alles Gesundheitsschädliche, auf strenge Vorschriften zur Gefahrenabwehr, auf staatliche Vorsorge für Alter und Gesundheit – und würden nie trotz Vorwarnung des Verkehrsfunks direkt in einen Stau fahren.

Ganz ähnlich ist gerade die hiesige Corona-Situation: Die Warnungen kamen früh, und es war klar, dass wir ohne Kursänderung am Jahresende wieder Probleme bekommen würden.

Schon sehen wir die Häufung der Warnblinklichter: Die Neuinfektionen erreichen neue Rekordwerte. Das Wachstum verläuft nicht mehr linear, sondern wieder mit einem Reproduktionsfaktor von 1,4 – mehr und mehr Gesundheitsämter drohen beim Unterbrechen der Infektionsketten zu scheitern. Längst stecken sich wieder mehr Ältere an. In den Kliniken sind zwar die Intensivbetten nicht ausgelastet, aber es droht Personalmangel.

Schon verschärft auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut ihren Ton und appelliert, unnötige Kontakte und Reisen zu vermeiden. Es war eine Botschaft, die nach Verzweiflung klang: Während etliche Länderchefs und -chefinnen zuletzt feilschten, um größere Einschnitte in ihrem Land zu vermeiden, klang Merkels Appell nach der letzten Chance für ein eigenverantwortliches Gegensteuern der Deutschen.

Die düstere Alternative stellte sie bereits in den Raum: Wenn in den Wochen bis Weihnachten der Anstieg der Infektionskurve nicht gebremst wird, ist nach Ostern auch Weihnachten gefährdet.

Für viele Deutsche dürfte es kaum schmerzvollere Einschnitte geben als einen Dezember ohne Besuch und ohne Beisammensein. Aber auch verlängerte Winterferien mit Kinderbetreuungsproblemen oder neuerlicher Heimunterricht, Geschäftsschließungen und Ausgehverbote sind keine besinnlichen Aussichten.

Aber muss das wirklich sein? Die Frage lässt sich auf zweierlei Weise stellen.

Da sind zum einen die Erfahrungen aus dem Frühjahr – Hamsterkäufe, Schulschließungen, Kontaktsperren und Kliniken mit dem Intensivbetten-Ausbau als einziger Priorität – und die Erinnerungen an den Sommer, mit unbeschwerten Reisen, nachgeholten Festen und dem Gefühl, Corona sei halb so schlimm. Mancher findet deshalb, die Politik könne selbst bei Rekordinfektionszahlen auf allzu strenge Regeln verzichten.

Tatsächlich können wir heute besser unterscheiden zwischen wirksamen und überzogenen Maßnahmen. Schulen sind keine Infektionsherde. Nicht alle Infizierten werden schwer krank. Gefährlicher als Einkaufen sind Partys und stundenlanges Einatmen derselben Luft. Daraus müssen wir lernen.

Der Sommer beweist aber nicht, dass die Regeln unnötig waren – im Gegenteil: Die Kontaktsperren im Frühjahr haben die späteren Lockerungen erkauft.

Nun kann man der Meinung sein, es komme auf den Versuch an: Vielleicht sind 20 000 Neuinfektionen pro Tag auszuhalten? Vielleicht überwiegen leichte Verläufe?

Nur passt es nicht zum Volk der Vorbeugenden, ungebremst aufs Stau-Ende zuzufahren. Neue Umfragen zeigen das: Zwischen 70 und 90 Prozent der Deutschen wollen strenge Auflagen.

Das spricht nicht gegen Anti-Corona-Demonstrationen wie an diesem Sonntag in Dortmund und auch nicht gegen die Polemik, die einzelne Libertäre in großen und kleinen Medien gegen den „Vormundschaftsstaat“ vom Stapel lassen. Auch in der Pandemie darf der Diskurs nicht sterben. Die Querdenker müssen sich nur klar machen, dass sie für Minderheiten sprechen.

Wenn allerdings die große Mehrheit strenge Regeln will – warum steigen die Infektionen dann überhaupt?

Dahinter steckt ein Effekt, den wir von der Klimadebatte kennen: Der oder die Einzelne hält sich nie für das Problem. Und tatsächlich werden Nachlässigkeiten ja erst in Millionensumme zur Gefahr.

Deshalb macht die Politik es sich zu leicht, wenn sie die einzelnen Bürgerinnen und Bürger in die Pflicht nimmt.

Richtig ist: Die Deutschen haben hohe Opferbereitschaft gezeigt. Aber mit Eigenverantwortung allein ist keine Krise abzuwenden. Dafür fehlen dem und der Einzelnen die Informationen zum aktuellen Stand der Forschung, die Muße und der Durchblick.

Vorausschauend zu planen, ist Aufgabe der Politik. Wer jetzt zu kleine Dämme baut, dem gerät in ein paar Wochen alles außer Kontrolle.

Das hat sich nach den Sommerferien gezeigt, als sich die Politik durch das absehbare Problem der infizierten Reiserückkehrer improvisieren musste. Und auch dass Herbstferien mit Reisen verbunden sind, hätte nicht derart überraschen dürfen.

Die Politik muss in die Offensive gehen: die Gesundheitsämter aufstocken, drohenden Personalmangel auf Intensivstationen abwenden, unbürokratisch bei der Umsetzung von Hygienekonzepten in Gastronomie und Schulen helfen.

Das ist nämlich die zweite Art, nach dem abgesagten Weihnachtsfest zu fragen: Muss das sein – also, lässt sich das nicht jetzt noch abwenden?

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