Fortgeschrittene Vereinzelung der Selfie-Profis.
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Fortgeschrittene Vereinzelung der Selfie-Profis.

Zeitgeist

Die implodierte Öffentlichkeit

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
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Der Kunde ist nirgends zu sehen. Er steuert mit dem Smartphone sein weites Ich-Imperium, ohne jede Gesellschaft. Warum nur will man die Menschen eigentlich aus der Öffentlichkeit kriegen? Die Kolumne.

Zur Post gehe ich nicht mehr. Auch nicht mehr zum Zeitungskiosk mit Postschalter, denn nachdem der DHL-Bote begonnen hat, meine Pakete ohne Benachrichtigung bei mir unbekannten Nachbarn abzugeben, habe ich mich in einer Packstation eingemietet und kann meine Post da jetzt rund um die Uhr ganz alleine ein- und ausliefern.

Zur Bank gehe ich auch nicht mehr. Für Überweisungen schon lange nicht, aber jetzt auch nicht mehr zum Geldabheben, da alle gut erreichbaren Filialen geschlossen wurden. Geld gibt es dafür inzwischen im Supermarkt, sofern man für mehr als 20 Euro eingekauft hat. Den Kassiererinnen gefällt das nicht, aber was sollen sie machen? Auch zum Finanzamt muss man nicht mehr gehen, alles online jetzt, und für einen Besuch im Bürgeramt, der früher Stunden in Anspruch nahm, bekommt man heute Termine, die gespenstisch genau eingehalten werden.

Der Künstler Jonathan Meese hat einmal gesagt, ihm stehe eine Stadtarchitektur der Zukunft vor Augen, in der man in einstöckigen Bunkern wohne und sich als Einzelner von A nach B bewegen könne, ohne dabei anderen begegnen zu müssen. Auch ohne Bunker kann er sich eigentlich schon jetzt recht wohlfühlen: Viele Wege sind digital und die anderen so zielgerade, dass man kaum jemanden sieht oder gesehen wird – no need to get dressed up also mit all den neuen Herbstsachen, die gerade erst neulich in die Packstation geliefert wurden. Schade.

Warum nur will man die Menschen eigentlich aus der Öffentlichkeit kriegen? Warum will keiner mehr, dass sie zusammen warten, gemeinsam in eine Richtung schauen und manchmal auch nach links und rechts? An der Notwendigkeit von Personaleinsparungen können die Filialschließungen und Individualabfertigungsstrategien traditioneller Institutionen des bürgerlichen Alltags nicht liegen, denn dazu wird an anderen Stellen zu großzügig gewirtschaftet. Aber wahrscheinlich zielt es sowieso daneben, eine bestimmte Absicht zu vermuten. Letztlich passt die Entwicklung perfekt ins Bild und ist einfach eine weitere Dehnungsstufe des Ich-Universums, das die Idee von Gesellschaft ersetzt hat und in dem der Mensch in den letzten tatsächlich kaum mehr als 15 Jahren gelernt hat, Selfie-König einer megapersonalisierten Dienstleistungswelt zu sein, die er von seinem Smartphone aus sekundengenau regieren muss.

Man sollte die Sache also sportlich sehen – welcher Fixstern bürgerlicher Öffentlichkeit implodiert als nächstes? Ich tippe: das Bargeld. Ausgehöhlt ist es bereits, aber seit ich in unserer Straße den ersten Rewe-Transporter vor einem Mietshaus habe halten sehen, denke ich, dass es keine zwei glücklichen Jahre mehr vor sich hat. Das berührungslose Bezahlen mit dem Smartphone hat in Supermärkten ja schon begonnen. Aber wenn die Kunden nun auch aus diesen Filialen verschwinden und zu Hause mit dem beliefert werden, wofür gerade offensiv geworben wird, bekommt bald kaum noch jemand Scheine in die Hand, und dann hat sich die Sache erledigt.

Bleibt die Frage, wohin die Waren geliefert werden, wenn niemand zu Hause ist. In Lebensmittel-Packstationen? In den Räumen der ehemaligen Supermärkte wäre dann ja Lagerfläche frei.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin und Mitbegründerin des Theaterportals „Nachtkritik.de“. Ihre Kolumne erscheint ab heute immer freitags. Karl-Heinz Karisch, der bisher hier schrieb, hat sich beruflich neu orientiert. Die FR dankt ihm für langjährige gute Zusammenarbeit. Alles Gute, Kalle!

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