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Artensterben durch Klimawandel?

Klimawandel

Die Erde braucht „Herdenschutz“

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Wenn es um den Schutz vor Masern geht, diskutieren wir Pflicht und Zwang als legitime Mittel. Aber was ist mit dem Schutz des Klimas? Ein Zwischenruf. 

Die Erde ist krank. Sie hat Mensch. Der homo sapiens nutzt diese eine Vernunft, die ihn vom Tier unterscheidet, die Kultur, Spiritualität und strategisches Planen ermöglicht, um seine Lust und Bequemlichkeit auf Kosten des Globus zu befriedigen.

Wir feiern ein globales Rockkonzert. Nachdem Generationen abgefeiert haben, sehen wir im Rückspiegel zerstampfen Boden, Schlamm und Müllberge. Mit dieser Lebensweise stürzen wir den Globus in eine immer schneller drehende Abwärtsspirale, in der 40 Prozent der Meeresfläche und drei Viertel der Landfläche verwüstet zurückgelassen werden.

Doch leider ist – anders als bei einem Wochenend-Open-Air-Konzert – im Ticketpreis der menschlichen Verantwortung nicht enthalten, dass einer hinter uns aufräumt. Unser Lebensstil frisst Tiere und Pflanzen, die Ozonschicht und damit unsere Lebensgrundlage immer schneller auf.

So wird die Rettung der Welt nicht klappen

Wir wissen das längst, doch wir wachen einfach nicht auf. Wie im Rausch opfern wir weiter dem heiligen Gral der neoliberalen Spätmoderne – und der heißt Bequemlichkeit. Wir nehmen uns vor, weniger Verpackung zu verbrauchen und mehr zu Fuß zu erledigen, und am Ende akzeptieren wir das Angebot der Convenience-Marketing-Strategen doch gerne und verschieben den Start in den persönlichen Klima- und Artenschutz aufs nächste Mal.

So geht das nicht. So wird die Rettung der Welt und unseres Allerwertesten darauf nicht klappen. Es gibt nur eine einzige Strategie, die Bequemlichkeit überwindet: Unsere Werte müssen größer sein als der Schweinehund, den es zu überwinden gilt. Dann optimieren wir nicht nur das eigene Verhalten, wir akzeptieren auch gemeinschaftliche Entscheidungen, die die eigene Freiheit einschränken. Weil es dem größeren Ziel dient, das wir verstehen und akzeptieren.

Gesundheitsminister Jens Spahn macht das gerade vor. Mit unglaublicher Entschlossenheit treibt er ein Thema voran, das er sich selbst gesetzt hat: die Impfpflicht. 2018 war in Deutschland kein besonders schlimmes Masernjahr. Auch 2017 nicht. In Deutschland sind 97 Prozent der Kinder, die eingeschult werden, einmalig gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft, 93 Prozent haben auch die für einen vollständigen Schutz wichtige zweite Impfung bekommen.

Impfschutz funktioniert nur, wenn alle mitmachen

Das ist nahe an der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Quote von 95 Prozent. Und trotzdem schlagen wir Alarm. Die Zeitungen, auch unsere, greifen das Thema auf und diskutieren Ausschlüsse aus öffentlichen Schulen und Bußgelder bis 2500 Euro.

Warum? Wir haben bei aller individuellen Selbstoptimierung ein Bedürfnis nach „Herdenschutz“, nach kollektivem Zusammenhalt im Kampf gegen Bedrohungen. Das Wissen um die dokumentierten Impffolgen legen wir beiseite, um diesen Wert und unsere Sehnsucht nach Sicherheit zu befriedigen.

Ob das Thema gerade wichtig ist, ist gerade nicht wichtig. Am Ende ist die Zeit reif und ein entschlossener Politiker führt eine leidenschaftliche Debatte, die über Jahre mit guten Argumenten auf beiden Seiten geführt wurde, in eine digitale Entscheidung: Zwingen wir den einzelnen oder nicht?

Anders als bei Kompromisslösungen gibt es bei fundamentalen Fragen des Gemeinwesens kein Drittes. An oder aus. Impfschutz funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Wird der Wert Schutz und das Ziel 95 Prozent akzeptiert, wird die Konsequenz fundamental sein: Der Widerstand ist irgendwann nutzlos, wir akzeptieren Zwang, um die Gemeinschaft zu schützen. Wie bei jeder bipolaren Entscheidung wird es auch negative Konsequenzen geben, auf die Mahner zu Recht hingewiesen haben.

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In Diktaturen werden unpopuläre Entscheidungen zentral getroffen. In Demokratien ist die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, auch wenn nicht alle Interessen berücksichtigt werden, völlig zu Recht an einen Prozess des Ausgleichs geknüpft. Die Staatskunst muss sein: Wir müssen die Konsequenzen und die Mahner unbedingt auffangen, wenn uns an einem versöhnten Zusammenleben gelegen ist. In diesem Sinn könnte der Impfschutz auch ein Beispiel für einen geglückten Abschluss einer polarisierten Debatte werden.

Unsere Erde ist krank. Sie hat Mensch. Die Folgen werden wir in den kommenden Jahrzehnten spüren wie die Pest-Epidemie im Mittelalter. Die Zwangsmaßnahmen, die wir dann akzeptieren müssen, werden fundamental sein. Gemessen am Thema Masern sind die Erhaltung der Arten und der Klimaschutz um ein Millionenfaches wichtiger. Und natürlich auch komplexer.

Es gibt keinen kleinen Pieks, keine Dreifachimpfung, um den Klimawandel zu stoppen. Aber wir können unseren Wert ändern und akzeptieren, dass es ohne Einschränkungen der persönlichen Freiheit und Strafen bei Verstößen nicht mehr geht. Die Erde braucht entschlossene und demokratische Politiker, die dies endlich durchsetzen. Die Erde braucht „Herdenschutz“ – hoffentlich nicht vor uns, sondern mit uns Menschen.

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