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Geht gerade der Zwang zum Impfen ins Leere?

Impfen als Pflicht? Kontra

Der Zwang geht ins Leere

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Impfgegner würden die Pflicht als weiteres Beispiel des bösen Nanny-Staates sehen, der sich schon mit Schulpflicht und Sexualkunde in die „freie Entfaltung“ ihres Nachwuchses einmischt.

Einem Berliner Kinderarzt waren die Diskussionen mit impfskeptischen Eltern eines Tages zu viel. Er brachte ein Schild im Wartezimmer an: „Sie müssen nicht alle Ihre Kinder impfen lassen – nur die, die Sie behalten wollen“. Sein Sarkasmus wurde zum Internet-Hit.

Impfen ist sinnvoll. Impfen ist lebensrettend. Wer sich den empfohlenen Impfungen verweigert, gefährdet nicht nur das Leben der eigenen Kinder, sondern trägt auch dazu bei, dass schwere Krankheiten wie Masern bei uns nicht ausgerottet werden können. Das Zauberwort heißt „Herdenschutz“. Um diesen zu gewährleisten, müssten mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. In Deutschland liegt der Schutz in einzelnen Gebieten unter 90 Prozent.

Nun ist „Herdenschutz“ schon vom Begriff her ein rotes Tuch für Individualisten. Jeder Vater und jede Mutter wollen ja zuerst einmal, dass es ihren Kindern gutgeht. Fast jeder hat zumindest im Hinterkopf Horrorgeschichten von gravierenden Impfschäden. Einige glauben, dass Kinderkrankheiten das Risiko einer Impfung nicht wert sind. Ein ganz kleiner Teil ist aus gefestigten, ideologischen Gründen gegen Impfungen.

Eine Impfpflicht aber hilft in allen diesen Fällen nicht. Die überzeugten Impfgegner würden sie als weiteres Beispiel des bösen Nanny-Staates sehen, der sich schon mit Schulpflicht, Sexualkunde und Zentralabitur in die freie Entfaltung ihres Nachwuchses einmischt.

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Donald Trump ließ sich 2014 – lange vor seiner Kandidatur für die Präsidentschaft – in einem Tweet so aus: „Gesundes Kleinkind geht zum Arzt, bekommt eine massive Dosis Mehrfachimpfung injiziert, fühlt sich schlecht, verändert sich – AUTISMUS. Viele solcher Fälle!“ Diese vielen Fälle gibt es nicht, der Zusammenhang zwischen Mehrfachimpfungen und Autismus wurde widerlegt. Der britische Arzt, der diese These aufstellte, ließ sich für seine Studie bestechen und verlor 2010 die Zulassung. Seine Behauptung aber wirkt noch immer.

Was würde eine Impfpflicht bei Impfgegnern bewirken? Widerstand. Ausweichstrategien, Tricks, noch mehr Abneigung gegen (auch gutgemeinte) Ratschläge von Behörden. Aus der Impfskepsis würde eine Impfgegner-Guerilla, die skeptische oder auch nur ängstliche Eltern in ihren Bann ziehen könnte.

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Der Virologe Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, hält eine Impfpflicht für „erstens sehr schwer durchzusetzen und zweitens möglicherweise auch in vieler Hinsicht kontraproduktiv“. An seine Warnung sollte man sich halten. Ja zu Reihenimpfungen im Kindergarten, ja zur Bedingung von Kitas und Schulen, nur Kinder mit Impfschutz aufzunehmen. Aber nein zu einer Bürokratie, die nur zusätzlichen Aufwand und Kontrollzwang schafft und die Debatte weiter eskalieren lässt.

Übrigens: Von der Kontrolle Erwachsener spricht niemand. Dabei sind Auffrischungsimpfungen genau so wichtig wie die Erstimpfung. Hier hilft ohnehin nur Aufklärung.

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