+
Sind Appelle zur Impfpflicht sinnlos?

Impfen als Pflicht? PRO

Appelle allein helfen nicht

  • schließen

Die hitzigen Debatten erreichen die Impfmuffel ebenso wenig wie beharrliche Aufrufe, doch bitte die Immunisierung abzuholen.

Als Deutschland zuletzt über eine Masern-Impfpflicht debattierte, war in Berlin gerade ein ungeimpftes Kleinkind an der Infektion gestorben. Mehrere Städte erlebten die größte Masern-Epidemie seit der Jahrtausendwende, nicht zuletzt in bürgerlichen Vierteln. Laut wurde beklagt, dass die Zahl nichtimmunisierter Deutscher zu hoch sei, um die Masern wie geplant bis 2015 auszurotten.

Das ist vier Jahre her. Seither gab es weitere Todesfälle von akut Erkrankten und, mehr noch, wegen der Spätfolgen. Die Impfquote hat sich kaum verändert – weshalb nun in vielen Regionen eine neue Masern-Welle grassiert.

Es lässt sich also feststellen: Die hitzigen Debatten erreichen die Impfmuffel ebenso wenig wie beharrliche Aufrufe, doch bitte die Immunisierung abzuholen – zur eigenen Sicherheit, derjenigen der eigenen Kinder und des gesamten Umfeldes. So fehlt noch immer fast jedem zehnten Kind und jedem vierten Erwachsenen die Impfung, weil die Termine vergessen oder verweigert werden. Ein kleiner Teil der Gesellschaft will sich durchmogeln auf Kosten derer, die verantwortungsbewusst sind – und sorgt so Jahr für Jahr für neue Fälle, für regelmäßige Epidemien, letztlich dafür, dass auch Industrieländer die Krankheit nicht ausrotten können.

Lesen Sie auch unser Kontra zur Impfpflicht

Wenn aber gutes Zureden nicht hilft, kann die logische Folge nur sein: Die gesetzliche Impfpflicht muss her. Dass darüber gestritten werden muss, ist traurig. In allen anderen Lebensbereichen gilt als ausgemacht: Die eigene Freiheit endet da, wo sie anderen schadet.

Die Behauptung, dass Impfstoffe ähnlich riskant seien wie die Masern, ist längst widerlegt. In den Industrieländern stirbt einer von 1000 Masern-Erkrankten – hinzu kommen gravierende Spätfolgen. Im Vergleich dazu geht man von sieben ernsten Komplikationen auf 16 Millionen Impfungen aus – verschwindend gering. Trotzdem kursiert – gerade im sonst so gesundheitsbewussten Öko-Milieu – das Ammenmärchen, die Impf-Nebenwirkungen seien schlimmer als eine Art Bio-Infektion, die womöglich auf einer „Masern-Party“ absichtlich herbeigeführt wird.

Lesen Sie auch: Grüne sprechen sich gegen Pflicht zur Masern-Impfung aus

Würde heute eine Forscherin einen Impfstoff gegen HIV entdecken, der Nobelpreis wäre ihr sicher. Eilmeldung: Gegen Masern gibt es diesen Impfstoff bereits – er wirkt aber nur nach Verabreichung. Wer trotz allem durch einen Impfzwang seine Freiheit oder die seiner Kinder eingeschränkt sähe, der sei an die Schulpflicht erinnert. Oder an den Gurt-zwang im Auto. Letzterer war in den 70ern in Westdeutschland auch heftig umstritten, das wirkt heute lachhaft.

Deutschland hat lange genug auf Aufklärung und Vernunft gesetzt. Die Gesellschaft muss jetzt die Chance nutzen, die Masern auszurotten, wie sie es zuvor auch mit den Pocken geschafft hat – und das geht offenbar nur mit der Impfpflicht.

Immerhin: Nach ein paar Jahren wäre die Impfung überflüssig – und damit auch die Debatte über Zwang und Risiken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare