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Ein Bildband dokumentiert den Wandel der Stadt im 19. Jahrhundert.

Der Fotograf Leopold Ahrendts (1825-1870) hielt die Wandlung Berlins in den Jahren 1854-1870 in zahlreichen Aufnahmen fest. Knapp zweihundert davon haben Eberhard Mayer-Wegelin und Sigrid Schulze ausgewählt und in einem prächtigen Band vorgelegt. Ahrendts interessierte sich vor allem für Architektur. Wir haben haben es hier also mit einer Dokumentation Berliner Prachtbauten zu tun.

Vieles erkennen wir sofort wieder: das Brandenburger Tor, die Humboldtuniversität, die Hedwigskirche, die Schlossbrücke, das Reiterstandbild Friedrich des Großen unter den Linden. Bei anderen Aufnahmen müssen wir uns anstrengen, um uns darüber klar zu werden, wo wir stehen.

In den Ahrendts-Jahren verdoppelte sich fast die Bevölkerung Berlins. 1871 gab es dann 826 341 Berliner. Damals entstand die neue Börse. In schwindelnder Höhe zwei Arbeiter auf einem Gerüst. Sie gehören zu den wenigen Menschen, die Ahrendts Berlin bevölkern. Eine Aufnahme zeigt die Holzbrücke, die bis 1894 Kreuzberg und Friedrichshain verband. Sie wurde damals, Ahrendts war schon lange tot, durch die Oberbaumbrücke, eine der bekanntesten Attraktionen der Stadt, ersetzt.

Die Theaterenthusiasten werden einen Blick auf die Aufnahme der Singakademie aus dem Jahr 1858 werfen. Heute ist in dem Bau das Maxim Gorki Theater. Dort hatte Goethe-Freund Carl Friedrich Zelter gewirkt. 1827/28 hielt dort Alexander von Humboldt seine epochalen Kosmos-Vorlesungen, und 1829 leitete im selben Bau der 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy mit seiner Aufführung der Matthäus-Passion die bis heute anhaltende Bach-Renaissance ein.

Einige Aufnahmen, es sind vielleicht die interessantesten, zeigen nicht die Pracht, sondern den Zerfall. Vor dem alten aus dem frühen 13. Jahrhundert stammenden Rathaus steht 1859 eine Litfaßsäule. Das Rathaus wurde nicht mehr instand gehalten, weil man das neue, das Rote Rathaus bereits plante. Die Litfaßsäule weist schon hinüber aus der Residenzstadt ins Konsumzeitalter.

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