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Im französischen Aubigny hält ein Mann ein "Je suis Charlie"-Schild in die Höhe.
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Im französischen Aubigny hält ein Mann ein "Je suis Charlie"-Schild in die Höhe.

Kolumne

Für immer Charlie

Ich bin Franzose geworden dieser Tage, gemeinsam mit Millionen. Wir haben gelernt, welchen Wert die Freiheit hat.

Von Martina Meister

Natürlich bin auch ich Charlie. Immer noch. Ich habe das Gefühl, wir werden es in Paris ein Leben lang bleiben, selbst wenn bald die Charlie-Zettel aus den Vitrinen der Geschäfte, die Pins von den Mantelkrägen verschwunden und eines Tages die Graffitis auf den Mauern verblasst sein werden. Charlie sein heißt: Für die Werte der Republik auf die Straße gehen, Franzose sein.

Ich bin es in diesen Tagen geworden, am 11. Januar, zusammen mit Millionen anderer. Kurz war ich versucht, die große Trikolore, die meine Söhne vor einem Fußballspiel gekauft hatten, zur großen Demo mitzunehmen. Dann dachte ich, dass ich das Recht nicht habe, mich mit den schönen Farben Frankreichs zu schmücken. Aber während des Marsches, der in Wahrheit ein langes, leises Stehen war, unterbrochen von Wellen des Applauses, fühlte ich mich zum ersten Mal als Teil einer Gemeinschaft, die nicht durch ihren Pass, sondern durch ihre Ideale zusammengehalten wird. Wir stimmten zusammen die Marseillaise an. Aux armes citoyens, und wir spürten, dass die anstößigen Zeilen der französischen Hymne fortan ihre schönsten sein würden. Die Bleistifte, die den Kalaschnikows millionenfach entgegen gehalten wurden, sind die wahren Waffen der Republik. Frankreich ist anders seit der Attacke. Stärker in der Not, schöner und stolzer. Selbst der unbeliebteste Präsident aller Zeiten hat an Größe, an Format, an Statur gewonnen. Die kollektive Depression scheint kuriert. Als wisse man auf einmal, dass es Wichtigeres gibt als Selbstmitleid.

Am Tag nach dem Attentat durchquerte ich wie immer einen kleinen Park. Auf ein Mal stand da ein bunter Hahn auf der Wiese, der laut krähte. Sein Kikeriki klang in meinen Ohren wie eine Eloge der Freiheit. Keine Spur von gallischer Überheblichkeit. Wie konnte es sein, dass ich ihn seit Monaten übersehen hatte? Und warum sehen die Juden, die mit Hut, Schläfenlocken und unter den Jacken heraushängenden Schaufäden immer selbstverständlich im Marais wirkten, mit einem Mal aus wie mutige Mitbürger? In der Rue de Rosier, die schon immer etwas von Jerusalem hatte, fühlt man sich endgültig wie in Israel: Soldaten mit Maschinengewehren bewachen die Bürger eines Staates, der Religion eigentlich zur Privatangelegenheit erklärt hat.

Vor einigen Monaten beobachtete ich einen Schriftenmaler, der auf ein uraltes, frisch gestrichenes Schulportal die Worte Liberté, Egalité, Fraternité pinselte. Er umrandete die schwarzen Lettern mit einem dünnen Goldrand und ich betrachtete ihn voller Ehrfurcht und vielleicht auch etwas Neid.

Die Formel kam mir vor wie eine praktische Gebrauchsanweisung zur Demokratie. Jedes Kind, das durch diese Tür geht, gehört im Prinzip dazu. Es soll seine Religion außen vor lassen. Auch die Hautfarbe zählt nicht mehr. Nur ist die Realität lange nicht mehr auf der Höhe der Ideale. Für viele sind Gleichheit und Brüderlichkeit leere Worte. Allein die Freiheit schien es umsonst zu geben. Inzwischen kennt man ihren Wert. Und weiß auch, dass sie allein nicht überlebt ohne Gleichheit und Brüderlichkeit. Es war eine schmerzliche Erfahrung. Charlie lebt, aber Cabu ist tot. Seither klafft ein tiefes Loch im Imaginären der Franzosen. Es fühlt sich an im Augenblick wie ein Phantomschmerz. Als ob er niemals vergehen wird.

Martina Meister lebt und arbeitet als Kulturjournalistin in Paris.

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