Kolumne

Illusion einer goldenen Reserve

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Der Mangel an Fachkräften treibt so manche Blüte. Das Problem wird allerdings nicht gelöst.

Fachkräfte … und gut!“ las ich kürzlich im Vorbeigehen auf einem Schild, dessen Werbezweck sich mir nicht gleich erschloss. Eine kurze Google-Recherche half wenig später weiter.

Bei der Firma handelt es sich um eine Jobvermittlung, die Wert auf die Ausbildung des zu vermittelnden Personals legt. Der Zusatz “…und gut!“ scheint dabei auf eine Art Premiumangebot zu verweisen, mit dem man sich ausdrücklich von den vielen Internetplattformen unterscheiden möchte, auf denen Dienstleistungen aller Art angeboten werden.

Es gibt immer etwas zu tun, und die Betriebsamkeitsagenturen, die sich zu ihrer Verbreitung des Internets bedienen, erwecken dabei den Anschein, dass die Mühen des Alltags fortan per Mausklick zu bewältigen seien. So suggerierte es früher einmal das legendäre HB-Männchen: „Warum denn gleich in die Luft gehen …?“ Einfach eine rauchen, dann geht alles wie von selbst.

Wer jedoch schon einmal auf derlei Angebote zurückgegriffen hat, weiß nur zu genau, dass sich dahinter häufig das akute Dienstleistungselend aus Dilettantismus, Unzuverlässigkeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen verbirgt. Ein Großteil der digitalen Ökonomie besteht nun einmal aus einer immer schamloser verfolgten Komponente, bei der findige Plattformgründer darauf aus sind, mit anderer Leute Arbeit Geld zu verdienen.

In diesem Zusammenhang ist es wohl nicht ganz zufällig, dass wir dem Wort Fachkraft immer häufiger als einem mit gesellschaftlichen Erwartungen aufgeladenen Begriff begegnen. Die Fachkraft ist die Sehnsuchtsfigur einer Gesellschaft, der die klaren Zuschreibungen, was einer kann und zu tun hat, abhandengekommen sind.

Wenn man den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen allerdings glauben darf, bezeichnet das Wort Fachkraft vor allem etwas, das fehlt. Der Fachkräftemangel hat ganze Branchen befallen, und in den erhitzten politischen Debatten wirkt er für viele wie ein ideologischer Brandbeschleuniger, dass auf die Fachkräfte aus anderen Ländern verwiesen wird, als ginge es darum, sie zu beruhigen.

Der Mangel aber regiert hier und jetzt, da hilft es wenig, auf eine verbesserte Einwanderungspolitik zu hoffen. Die Klage über den Fachkräftemangel ist ein Passepartout für alle Fälle. Wann immer Arbeiten nicht ausgeführt und Dienstleistungen nicht erfüllt werden können, dient er als naheliegende Erklärung.

Zugausfälle bei der Deutschen Bahn? Die neuen Züge gibt es erst 2022. Reifenwechsel zum Winterende in der Autowerkstatt? Das wollen zu dieser Jahreszeit fast alle, ist aber aufgrund des Fachkräftemangels leider erst wieder ab Ende Mai möglich.

Die Firma mit dem vielsagenden Slogan “… und gut“ verleiht die angepriesenen Fachkräfte natürlich nicht für den privaten Bedarf. Die Agentur sieht ihre Marktchance eher in der Aufgabe, eine Art Feuerwehr für Unternehmen in Not zu sein. Das Personal, das früher wohl eher als Aushilfskräfte bezeichnet worden wäre, erscheint nun als ideale Alternative.

Niemand macht sich die Hände schmutzig, alles sieht aus wie in der Zahnarztreklame. Man verheißt vielfältige Karrieremöglichkeiten. Phrasen über Flexibilität, Vertrauen und Qualität bilden das Vokabular dieses modernen Arbeitskrafthandels. Es geht um die Aufrechterhaltung der Illusion einer goldenen Reserve in Zeiten abnehmender Beruflichkeit.

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