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Gedenken an die Opfer des Holocaust. 

Opfer des Holocaust

Ihre Geschichten erinnern

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Wir sollten uns vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn die Opfer des Holocaust überlebt hätten. Wenn sie diese Barbaren nicht hätten ertragen müssen.

Die Erinnerung an den Massenmord der Deutschen Nationalsozialisten und ihrer Helfer an den Juden, den Sinti und Roma und vielen anderen, muss für sich stehen. Mehr noch, der Tag des Gedenkens soll den Opfern gewidmet sein und nicht den Verbrechern und ihren Taten. Beides verbietet sich als Instrument heutiger Auseinandersetzungen. Das sollte es wenigstens. Die Geschichten der Opfer zu erzählen ist das mindeste, was wir tun können. Denn sie sind der Ausgangspunkt jeder Erzählung, die seit dem folgt. Die Idee der Bundesrepublik Deutschland baut auf deren Geschichten auf. Das sollte sie wenigstens.

Die junge Frau war gerade mal 1.50 m groß und sehr zierlich, als sie in das Deportationslager Drancy in der Nähe von Paris gebracht wurde. Man hatte sie als Jüdin denunziert. Dass sie nicht sofort nach Auschwitz musste, war einigen Umständen geschuldet, die sie später mit dem zweifelhaften Wort Glück beschrieb.

Die meist jüdischen Gefangenen, ob mit oder ohne Religion, waren aus allen Teilen Frankreichs zusammengetrieben worden. Zwischen Chaos und dem Gestank der Angst, flüchtete sich die junge Frau zu jener Stelle des Lagers, wo etliche Pariser Huren hausten. Sie hatten mehr Herz als Schnauze, denn sie beschützten die junge Frau fortan vor dem Zugriff der Mörder. Was das Mädchen davor bewahrte vor dem täglichen Horror zu verzweifeln oder aufzugeben, war ein besonderes Geschenk dieser Frauen. Sie besorgten ihr einen Bleistift und etwas Papier.

Mitanzusehen, wie täglich hunderte Menschen in dem Lager ankamen, verwirrt, und voller Angst und nichts tun zu können, wie soll jemand das aushalten? Nur wenig später zwängten die Mörder diese Menschen in andere Züge. Die gingen von Paris direkt nach Auschwitz. Die junge Frau sah diese Züge jeden Tag. Es gab keinen Platz für ein Gefühl. Sie konnte nicht einmal froh sein, dass sie selbst vorerst nicht mitfahren musste.

Die junge Frau hat auf das Papier gezeichnet. Sie skizzierte die Pariser Frauen, die sie beschützten. Was sie nicht zu zeichnen vermochte, waren die Kleinen, die mit den Kindertransporten ankamen, manche zwei Jahre alt, andere zwölf.

Sie traf auch einige Kinder von Freunden, die längst ermordet worden waren aber vorher noch ihre Kinder versteckten, sie bei Freunden ließen oder auf dem Dorf irgendwo einquartiert hatten. Dem systematischen Vernichtungswillen der Deutschen aber entgingen selbst Jungen und Mädchen nicht.

Die junge Frau wollte ihnen Mut zusprechen. Sie sagte, sie würden nur woanders untergebracht am Ende der Reise mit dem großen Zug. Eines der Kinder erwiderte ihr mit unerträglicher Vernunft, ja fast beschwichtigend, sie wüssten längst, wohin es ginge. Wenige Stunden später verließ der Zug mit ihnen das Lager.

Das ist eine der Geschichten, die nur erzählt werden können, weil diese junge Frau überlebt hat. An sie, an die Kinder von Drancy, an alle unerzählten Geschichten zu erinnern, ist es, was diesem Gedenktag angemessen ist.

Wir könnten uns wenigstens heute vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn sie überlebt hätten. Wenn sie diese Barbaren gar nicht erst hätten ertragen müssen. Und wie wir dann doch den Schönrednern dieser Mörder heute laut ins Wort fallen müssen.

Die junge Frau wurde später Malerin. Sie war meine Mutter.

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