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Wann ist ein Deutscher deutsch genug? Rechte Aktivisten am 7.Januar in Köln.

Rechtsextreme

Identität und Ideologie

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Die "Identitären" haben eine rassistische Agenda, doch Identität ist nicht nur ein rechter Kampfbegriff. Auch in linken Milieus werden Gruppen mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen.

Die Leute sagen, die Welt sei so kompliziert geworden, man finde sich gar nicht mehr zurecht. Aus diesem Grund gebe es diesen Populismus überhaupt, denn er habe einfache Antworten. Die „Identitären“ beispielsweise sind eine rechtsextreme Aktionsgruppe, die sich um das Gefühl von Heimat und Identität der Deutschen Sorgen macht. Sie haben eine völkische Idee von dieser Identität, in der es nicht reicht, Deutscher zu sein.

Um für sie dazuzugehören, muss man sehr vieles nicht sein: nicht jüdisch, nicht muslimisch und was es sonst noch so gibt. Nicht schwarz oder „südländisch“, nicht auf Emanzipation bedacht in allen Fragen der sexuellen Orientierung und vor allem nicht universalistisch. Denn dies hieße die Rechte und die Freiheit jedes Menschen mit gleichem Maß zu messen. 

Auf Identität zu setzen statt auf Rechte – ja, schlimmer: die Rechte des Einzelnen von seiner Identität abhängig zu machen, das ist ein gewaltiger Sprung zurück. So als hätte es die Aufklärung nicht gegeben. Aber wir leben in einem freien Land, und solange nicht Gewalt geübt oder zu ihr aufgerufen wird, können solche Gruppen ihre Bildchen aufhängen und mit Slogans nerven. Das ist der unbestreitbare Vorteil der Demokratie.

Viele Menschen suchen dringend nach ihrer Identität. „Wer bin ich“ zu fragen, gehört zum Erwachsenwerden dazu. Und sicher spielen dabei Herkunft und Religion eine Rolle. Man sucht fast ein ganzes Leben die eigene Umgebung danach ab, was einen ausmacht, ja besonders macht. Diese Suche ist so alt wie die Idee des Individuums. Aber warum wird sie heute so politisch? Weshalb steckt in dem Wort Identität so viel Brisanz, ja Aggressivität?

Die „Identitären“ haben eine rassistische Agenda, doch ist Identität nicht nur ein rechter Kampfbegriff. Menschen oder Gruppen mit anderen Maßstäben zu messen als die eigenen, das gibt es auch in anderen Milieus. Leute, die die Aufklärung als „Projekt des weißen Mannes“ zur Unterdrückung in der postkolonialen Welt ablehnen, gehören auch dazu.

Linker Kulturrelativismus

In vielen antirassistischen Kreisen ist es verpönt, Demokratie und Freiheitsrechte zu verteidigen. Überhaupt gehört es zum guten Ton, sich einem Pessimismus hinzugeben, der für reale Menschenrechte nur mehr ein zynisches Lächeln übrighat. Oder schlimmer: wenn im Namen des Kampfes gegen den weißen Imperialismus (natürlich nur des westlichen) kultureller Respekt vor Barbareien wie der weiblichen Genitalverstümmelung verlangt wird.

Die Mischung aus ideologischen Grundsatzkämpfen und den Fragen nach Identität bringt statt Vernunft Ungeheuer hervor. Kulturrelativismus ist, wenn Menschen meinen, dass es den Weißen nicht zustehe, voraufklärerische Praktiken in der Migrationsgesellschaft zu kritisieren statt zu respektieren. Und dass solche Praktiken eben zur Identität einer Gruppe gehörten. Eine solche Haltung ist nicht respektvoll, sondern rassistisch.

Was in aller Welt ist so kompliziert daran, universalistisch zu denken? Die Freiheit, in der Demokratie über die eigene Identität selbst entscheiden zu können und so erwachsen zu werden, wie man es eben vermag, ist ein großartiges Verdienst der Aufklärung! Vielleicht ist es schwer zu machen, vielleicht ist es deshalb nicht so populär. Aber zumindest ist es auch eine einfache Antwort.

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