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Das Ich und die Anderen - alles nicht so ganz einfach.

Gesellschaft

Ich, Ich, Ich

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Wenn das Wir hinter dem Ich verloren geht, haben alle verloren. Auch das Ich. Die Kolumne. 

Mit der Aktion „Mein Grundgesetz“ möchte ein Radiosender Leute dazu bringen, sich mit der deutschen Verfassung zu beschäftigen. Zum Beispiel sollen sie ihren Lieblings-Grundgesetzartikel nennen. Die Verfassung wird im Mai 70 Jahre alt, da wäre etwas Aufmerksamkeit schon nicht schlecht.

Wer Aufmerksamkeit will, muss Betroffenheit herstellen, sonst verhallt jeder Appell: Das beschwören alle Profis in Öffentlichkeitsarbeit, Pädagogik und politischer Bildung. Was nicht meins ist, ist keins. Also muss das Ich angesprochen werden. Die eigene Erfahrung, das eigene Interesse, das eigene Gefühl.

Aber was sagt uns dies über die Gesellschaft, in der wir leben? Ist es wirklich gut so, wenn beispielsweise Zeitgeschichte im Fernsehen nur dadurch hohe Zuschauerzahlen erreicht, dass möglichst melodramatisch Einzelschicksale erzählt werden? So sei es nun mal, antworten die Fernsehmacher, ob man es schön finde oder nicht. Speziell die Jungen seien doch längst darauf trainiert, Information nur als Teil von Storys aufzunehmen.

Zu den Holocaust-Gedenktagen wurde eine Studie wieder ausgegraben, wonach Jugendliche immer weniger wissen über den Massenmord an den Juden. Und auch wissen wollen, mangels direkter Emotionen, mangels Nähe des Themas zum Ich.

Wahrscheinlich sind das Veränderungen, die man im Alltag deshalb kaum mehr wahrnimmt, weil sie sich so schleichend vollziehen. Die wachsende Bereitschaft, in kleinen Gruppen selbst krudeste Verschwörungstheorien gerne zu glauben, passt nur zu gut dazu. Weil sich dann ja immer das Ich über die Anderen erhebt: Ich sage Euch, wie es wirklich ist.

Bei den großen Nachrichtenthemen dieser Tage spiegelt sich das bis in den politischen Alltag hinein. Bei Donald Trump sowieso, der kennt ausschließlich sich selbst. Aber auch bei den britischen Unterhausabgeordneten wird immer deutlicher, dass sie alleine der eigene Blick auf den Brexit interessiert, das eigene Wunschprogramm, während ihnen rechtliche Details (womöglich gar: europarechtliche) und politische Zusammenhänge recht egal sind. Es ist bestenfalls noch Weltbetrachtung aus der Stimmung im Wahlkreis heraus. So setzt Politik nirgendwo mehr etwas durch.

Geradezu altmodisch wirkt im Vergleich dazu der deutsche Kohlekonsens. Da wurde doch tatsächlich ein Kompromiss gefunden. Niemand hat sich durchgesetzt, aber fast alle loben die Gemeinsamkeit. Es ist zwar ein Konsens geworden, der die großen Zielkonflikte auf Kosten des Staatshaushalts auflöst, das Projekt Kohleausstieg wird teuer. Aber zu solchen Abwägungen ist demokratische Politik da. Damit am Ende möglichst viele sagen können: mein Kohleausstieg.

Mein Bundestag wird meine Regierung hoffentlich weiter drängen, mein Land so zu steuern, dass es nicht wird wie Großbritannien. Mein Europa wird hoffentlich weiterhin von Leuten geführt, die dieses Europa wollen. Mein Grundgesetz steht diesem Europa zum Glück nicht entgegen, solange mein Verfassungsgericht in Europafragen so EU-verträglich urteilt wie bisher.

Und trotzdem: Wäre es nicht wunderbar, wenn wir wieder öfter für unser Grundgesetz werben würden, für unsere Demokratie, unsere Werte? Wenn das Wir wieder „fliegt“, wie es in der PR-Sprache heißt, und nicht nur das Ich? Wenn das Wir hinter dem Ich verloren geht, haben alle verloren. Auch das Ich.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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