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Über was hatte der Kanzler Sebastian Kurz bei Strache nicht alles hinweg gesehen.

Ibiza-Affäre um Strache

Was passiert, wenn man sich mit der völkischen Rechten die Macht teilt

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Wer sich mit Nationalisten einlässt, wie die österreichische ÖVP, der weiß eigentlich im Vorfeld, auf was er sich einlässt - und sollte sich nicht als Hüter der Moral verkaufen. Die Kolumne.  

Was passiert, wenn eine sogenannte etabliert-konservative Partei ihre Flanke zu weit nach rechts öffnet und sogar die völkischen bis braunen Schmuddelkinder in Regierungsverantwortung hebt? Das lässt sich eindrucksvoll in Österreich beobachten.

Über was hatte der Noch-Kanzler Sebastian Kurz nicht alles hinweggesehen: FPÖ-Kontakte zum rechtsextremen Milieu, nationalistische Grundhaltung. Und nun? Nach dem Ibiza-Desaster seines Ex-Vizes Strache dürfte der Politstar sein rechtes Auge völlig umsonst dick zugekleistert haben. Aus der Nummer kommt er so schnell nicht mehr heraus, da braucht es auch keine Tätertheorien mit dem Verweis auf Polit-Berater Tal Silberstein, der „ähnliche Methoden in aller Welt“ angewendet haben soll.

Ibiza-Skandal: Strache will seine Unschuld beweisen

Denn wie ist diese Finte anders zu verstehen als ein Herbeigemunkel einer jüdischen Verschwörung? Der „Cicero“ bringt gar den Mossad ins Spiel, Strache himself posaunt derweil auf Facebook, „(…) die Hintermänner des kriminell erstellten Videos und Dirty Campaignings ausfindig (zu) machen, ich werde meine Unschuld beweisen“.

Es ist schon einigermaßen beeindruckend, wie sich viele auf die konservativ-völkischen Nebelkerzen werfen, anstatt darüber zu sinnieren, worum es geht. Nämlich darum, dass jeder bekommt, was er sich im Vorfeld hätte denken können, wenn er den Damen und Herren von Rechtsaußen die Macht zuspielt, weil es halt kommoder ist als eine Regierung mit den Sozis. In Österreich haben sie den irrlichternden Drang, unbedingt mit „Rechten reden“ zu wollen, in Vollendung perfektioniert und ihn als ein „Regieren mit Rechten“ eine Runde weitergedreht.

Piefke-Presse offenbart das wahre Gesicht des Koalitionspartners

Sie haben sich von einer Haltung verabschiedet, die politische Inhalte als Grundlage für eine Zusammenarbeit ausdeutet und auf demokratischen Grundsätzen besteht. Vielmehr dürften sie bei der ÖVP den moralischen Minimalkonsens gar nicht erwartet, sondern eher darauf gesetzt haben, die braunen Burschis seien schon unter Kontrolle zu halten. Böses Erwachen, wenn dann ausgerechnet die Piefke-Presse das wahre Gesicht des Koalitionspartners offenbart – das man natürlich kannte. Ist eben einfach nicht wichtig genug. Und jetzt sitzen sie wieder in ihrem Eckchen und die Konservativen können sich als die Hüter der Moral verkaufen, um die sie sich vorher nicht geschert haben.

Ob diese Posse deutschen Konservativen als Lehrstück dient? Im Herbst wird in Sachsen ein neuer Landtag gewählt, und es darf angezweifelt werden, dass der rechts ziemlich kurzsichtige CDU-Mann Kretschmer als klarer Sieger hervorgeht. Macht man es sich dann auch mit der AfD auf dem Regierungsbänkchen bequem? Immerhin hat die Union mehr Anknüpfungspunkte an eine nationalistische AfD als an eine politische Linke – auch wenn es in der konservativen Szene Patriotismus heißt. Doch geht es um Macht, sind alle Katzen braun beziehungsweise schwarz, Hauptsache, sie haben kein Hakenkreuz auf der Stirn kleben.

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Dabei sollten sie alle einfach nur auf den verstorbenen Wiglaf Droste hören, der wusste, wie mit Rechtsaußen umzugehen ist: „Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen undsoweiter. Geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen.“

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