Leitartikel

Ratlos in die Zukunft

  • schließen

Auf das Ziel einer idealen Verkehrswelt kann man sich schnell einigen, die Mühen des Weges will niemand. Deshalb ist es so schwer die Frage zu beantworten, wie es mit dem Auto weitergeht.

Wer Autohändler nach den Geschäften fragt, erfährt vor allem eins: Ratlosigkeit. Die Kunden bringen sie mit in den Laden. Kann ich mir noch einen Diesel kaufen, oder darf ich den morgen nicht mehr fahren? Was wird mein Neuwagen übermorgen noch wert sein, wenn plötzlich alle elektrisch fahren? Und was taugen diese E-Autos? Schonen die wirklich die Umwelt, oder ist das alles Etikettenschwindel? Ist der Hybrid nun ein goldener oder ein fauler Kompromiss?

Beim Autokauf geht es nicht mehr nur um Geld und Geschmack, sondern um die ganz großen Themen. Wie sieht sie nun aus, die umwelt- und menschenverträgliche Mobilität der Zukunft? Wo früher die Zubehörliste die größte Herausforderung war, stellt sich heute die Systemfrage. Beantworten können sie derzeit weder die Politik noch die Hersteller und ehrlicherweise auch nicht Aktivisten, die die Frankfurter Automesse IAA als Begräbnis der Dinosaurier inszenieren wollen.

Man muss ihnen dankbar dafür sein, dass sie der Schau eine Diskussion jenseits des ewigen Marketing-Geklingels aufzwingen. Es war erfrischend zu sehen, wie der veranstaltende Branchenverband VDA noch kurz vor der Messe am Veranstaltungsprogramm basteln musste und Diskussionen einschob, die beim selbst erhobenen Anspruch der IAA selbstverständlich wären. VW-Chef Herbert Diess setzte sich mit Aktivistin Tina Velo zusammen, und auch wenn sie dabei die Welt nicht neu ordneten, wusste man hinterher wenigstens, warum: Es ist nicht so einfach, wie beide Seiten gern tun.

Die wichtigste Industrie des Landes muss sich radikal umstellen, daran zweifeln nicht einmal mehr die Hardliner. Aber auch sie hat recht, wenn sie auf Hunderttausende Arbeitsplätze verweist: Wer die grundsätzliche Abkehr vom Auto fordert, kann nicht gleichzeitig seinen Herstellern den Jobabbau vorwerfen.

Es wäre leichter, wenn man früher begonnen hätte. Nichts hätte dagegen gesprochen, denn für die Erkenntnis, dass es mit dem Auto nicht so weitergehen kann wie bisher, brauchte es nicht Fridays for Future oder die IAA-Proteste. Der erste „Entwicklungsplan Elektromobilität“ der Bundesregierung liegt zehn Jahre zurück. Aus der gleichen Zeit stammt die Erkenntnis des damaligen Daimler-Chefs Dieter Zetsche, dass das größte Problem des Autos sein Erfolg sei – und dass man es so nicht mehr lange bauen könne, wenn einem die Erde am Herzen liege.

Trotzdem warnt ein Jahrzehnt später Carlos Tavares, Präsident des europäischen Herstellerverbands Acea, vor Pleiten wegen des radikalen Umbruchs. An Erkenntnis hat es nicht gefehlt, warum also rennt jetzt doch wieder die Zeit? Ein einfacher Grund: Mit Volkswagens Dieselbetrug wurde die Uhr vorgestellt. Regulierung wurde verschärft, Schlupflöcher in den Emissionsvorschriften wurden geschlossen – nachdem nicht zuletzt die Deutschen sie hineingebohrt hatten.

Hier verbirgt sich der schwierigere Grund für die kollektive Trägheit: Auf das Ziel einer idealen Verkehrswelt kann man sich schnell einigen, die Mühen des Weges will niemand. Die von der Bundesregierung damals gestartete „Nationale Plattform Elektromobilität“ wurde zum Rohrkrepierer, weil sich die verschiedenen Interessen der Industrie blockierten und die Politik keine Rahmenbedingungen definieren wollte oder konnte.

Die Unternehmen wollen Gewinn machen, und die Gewerkschaften – samt dem Rest der Welt – ordentlich bezahlte Arbeitsplätze erhalten. Beides geht am besten mit vergleichsweise teuren Autos. Damit die gekauft werden, hält die Bundesregierung eine günstige Dienstwagenbesteuerung am Leben.

Und wofür gibt die Masse der Kunden am meisten Geld aus? Für große, starke, schnelle Autos. Für beheizte Lenkräder und elektrisch verstellbare Sitze – auch wenn sie Gewicht und Verbrauch hochtreiben. Der Schrecken der Konzerne ist das Vernunftauto, weil dessen Käufer auch beim Preis vernünftig bleiben. Es gibt viele Gründe, auf die Industrie zu wettern. Aber vorher sollte man in die eigene Garage schauen.

Wenn nicht alles täuscht, biegt das Auto auf den Weg der Vernunft ein. Es wird dort elektrisch fahren, jetzt mit Batterie und irgendwann auch mit Brennstoffzelle. Eine ganze Industrie wird ihr Geschäftsmodell darauf ausrichten müssen, dass Blechlandschaften mit Auspuff kein Lebensmodell sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare