Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Willkommensschilder am Eingang einer Flüchtlingsunterkunft. Unsere Autorin plädiert dafür, denen zuzuhören, die handeln.
+
Willkommensschilder am Eingang einer Flüchtlingsunterkunft. Unsere Autorin plädiert dafür, denen zuzuhören, die handeln.

Flüchtlingsdebatte

Hysterischer Defätismus

  • Anetta Kahane
    VonAnetta Kahane
    schließen

Mythen und Propaganda, Verleumdungen, argumentative Fallen und Hetze - nichts bleibt ungesagt. Redet leiser, hört denen zu, die handeln und nicht nur schreien. Die Kolumne.

Gibt es einen Weg hinaus aus der Hysterie? Flüchtlinge, Grenzen, Obergrenzen, Vergewaltigung, Betrug, Lüge, Schwindler, Frauen, Männer, Islam, RTL, Spaltung der Gesellschaft – hysterischer Defätismus überall. Das Kippen wird herbeigeredet, Mythen und Propaganda, Verleumdungen, argumentative Fallen und Hetze, nichts bleibt ungesagt. Es ist wie in einer Kneipe, deren Akustik schlecht ist. Also müssen die Gäste laut reden, weswegen der Geräuschpegel so steigt, dass man noch lauter reden muss. Und dann macht der Wirt auch noch Musik an! Dieser eskalierende Krach ist sich selbst genug und nun reden alle darüber, wie schrecklich laut doch das ganze Leben geworden ist.

Das Café Central ist ganz neu. Es sind noch wenig Gäste da. Von dort hat man bei heißer Schokolade einen schönen Blick auf eine der großen Lutherkirchen. Die Serviererin kommt öfter vorbei. Ob alles in Ordnung ist, möchte sie wissen. Ja, alles gut soweit. Prenzlau ist eine Stadt im ländlichen Raum. Schöne Landschaft, wenig Menschen, Dörfer drumrum. Die Stadt wurde in den letzten Kriegstagen vollkommen zerbombt. Jemand hatte zuvor noch genug Fanatismus aufgebracht, jene sowjetischen Unterhändler zu erschießen, die über eine friedlich Kapitulation verhandeln wollten.

Die Stadt hat sich davon nie richtig erholt. Lehre Flächen im Zentrum, Wiederaufbauverbot vom sowjetischen Standortkommandanten. Eine Ort, geprägt vom DDR Lebens- und Baustil von Barack und Neo-Barack. Nach der Wende war die Gegend das Synonym für Strukturschwäche. Das wird sie auf absehbare Zeit bleiben. Doch es bewegt sich etwas in dieser Stadt.

Es gibt viel zu tun

Flüchtlinge leben hier schon lange. Es sind mehr geworden, eine Notunterkunft und eine Einrichtung für minderjährige Unbegleitete kamen hinzu. Die Kinder gehen in die Schule, manches funktioniert, anderes weniger. Der Bürgermeister will mehr, als der Landrat zu unterstützen bereit ist, die Helfer arbeiten gut und viel. Es gibt Konflikte, Streit und eine pegidaähnliche Gruppe, etwas klein und bissig. Doch dafür leuchten einige Graffiti gegen dumpfen Nationalismus vor dem Café Central.

Dort treffen sich Leute, um über nächste, praktische Schritte zu reden. Die Flüchtlinge sind dabei. Mehr Engagierte als früher, bisher versteckt in den individuellen Ecken ihrer Lebenskultur, kommen aus der Umgebung nach Prenzlau. Es gibt viel zu tun. An der Haltung zu den Flüchtlingen scheiden sich die Geister, und manche Harmonie einer postmodernen Gewissheit geht verloren. Dafür entsteht Neues. Nicht alles was alternativ ist, erweist sich auch als menschenfreundlich. Und nicht alle Alteingesessenen sympathisieren mit der Naziszene. Die Dinge des Lebens und die Werte des Alltags rütteln sich neu zurecht.

Parallel zu dem ganzen Lärm, den hysterischen Schlachten in der Öffentlichkeit, ist längst eine Realität entstanden, die all dem widersteht. Bei der Frage, wie wir in Deutschland leben wollen, was uns Freiheit und Individualrechte in der Demokratie wert sind, hilft diese Praxis weit mehr als hohle Worte. Aber bitte, redet doch etwas leiser, hört denen zu, die handeln und nicht nur schreien. Ein Pegel zwischen Kneipe und Café Central mit einer Prise Prenzlauer Realität – das wäre schon hilfreich gegen Hysterie.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare