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Leitartikel

AKK und der geistige Zustand der Republik

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Muss man sich über einen schlechten Scherz von CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer wirklich so aufregen, wie es viele Kritiker tun?

Innerhalb einer Woche debattiert Deutschland nun tatsächlich zweimal über eine Büttenrede. Im ersten Fall machte sich der Komiker Bernd Stelter über Doppelnamen lustig, woraufhin eine Doppelnamenträgerin aus Weimar auf die Bühne stürmte und den Mann zur Rede stellte.

Am Wochenende kalauerte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wenig geschmackssicher vor sich hin. Abermals ging es – und nicht ganz zufällig – um das Verhältnis der Geschlechter, genauer: um das dritte Geschlecht und ob Männer im Sitzen oder im Stehen pinkeln.

Doch auch wenn die Pointe von Betroffenen als Diskriminierung wahrgenommen wurde und damit kritikwürdig war: Die anschließende Streiterei, gesteigert bis zur Hysterie, lässt am geistigen Zustand der Republik zweifeln.

Karneval ist stets das Refugium schmutziger und schlechter Witze. Und da, wo solche Witze gemacht werden, sind meist jene nicht weit, die die Kosten zu tragen haben. Meist spiegeln Witze auch die Grundhaltung dessen wider, der sie zum Besten gibt. Insofern wundert es nicht, dass die Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union vermutlich absichtsvoll ein Thema aufs Korn nahm, das Linksliberale betrifft.

Aber: Was soll’s! So war es in der fünften Jahreszeit immer. Auch war Humor, sofern er nicht bösartig daherkommt, immer eher ein Mittel, um bestehende Konflikte abzufedern, statt sie anzufachen. So gesehen geht es nicht nur ums Auslachen von anderen.

Auslachen kann dann auch meinen: zu Ende lachen. Da, wo gelacht wird, wird jedenfalls nicht geschossen. Wer das verkennt und jeden schlechten Scherz zum Nennwert nimmt, der vernichtet die gesellschaftlich friedensstiftende Wirkung, die das Humoristische für alle haben kann.

Unabhängig davon ist der Aufschrei über Kramp-Karrenbauers Auftritt bloß zu verstehen vor dem Hintergrund eines Kulturkampfes von rechts – eines Kulturkampfes von rechts, der im Übrigen tatsächlich stattfindet.

Weltweit und in Deutschland gibt es zu viele Leute, die die liberalen Errungenschaften der 68er und ihrer Nachfolgebewegungen zurückdrehen wollen. Das bildet sich bei uns nicht allein in der Repräsentanz der sogenannten Alternative für Deutschland im Bundestag ab, sondern unter anderem im Rechtsschwenk zahlloser Intellektueller, von denen viele mal selbst 68er waren. Diese Rückkehr des nationalen Autoritarismus ist zuweilen beängstigend und die ebenso zentrale wie nachvollziehbare Erklärung für die irritierende Nervosität des öffentlichen Diskurses.

Dennoch müssen sich schon auch die Linksliberalen fragen, wie erst Auseinandersetzungen aus wirklich wichtigen Anlässen aussehen sollen, wenn schon Auseinandersetzungen über Karnevalssitzungen mit einer derartigen Härte und Feindseligkeit geführt werden. Wo soll das hinführen?

Auch müssen sich die Linksliberalen fragen, was – um Helmut Kohl zu zitieren – „draußen im Lande“ noch verstanden wird. Womit wir wieder beim Karneval und seiner politischen Aufladung wären. Der Aufruhr darüber, was die Mehrheit für Nichtigkeiten halten dürfte, zahlt letztlich bei den falschen Leuten ein.

Schließlich ist da ein letzter Punkt: Das sind die digitalen Netzwerke, die fälschlicherweise als soziale Netzwerke bezeichnet werden. Dort bekommen Worte und Taten mittlerweile eine Verbreitung und Bedeutung, die sie früher nie bekommen hätten.

Dort entsteht ein Kondensat, das in den Diskurs auch all jener überschwappt, die sich daran selbst gar nicht beteiligen. Und dort wird durch ein täglich schärferes Pro, das ein täglich schärferes Kontra provoziert, das Debatten-Klima vergiftet. Grünen-Chef Robert Habeck hatte insofern Recht, als er die digitalen Netzwerke verließ. Mal Fünfe gerade sein lassen – das ist heute ein politischer Akt.

Man mag die Witze von Stelter und Kramp-Karrenbauer unterirdisch finden. Man mag sie für einen Teil der Rückabwicklung der 68er Bewegung halten. Aber wenn wir im öffentlichen Raum jetzt täglich zu hyperventilieren beginnen und in jeder Kleinigkeit einen Skandal wittern, dann wird dieser öffentliche Raum bald nicht mehr ernst zu nehmen sein. Oder er wird zum Hexenkessel, in den sich niemand mehr traut, der noch ganz bei Trost ist.

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