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Gelbe Säcke in Baden-Württemberg (Symbolbild).

Plastik

Hygienewahn und Verpackungen

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Der Kampf gegen den Plastikmüll ist nur zu gewinnen, wenn viel mehr als gedacht verändert wird. Die Kolumne.

Eigentlich – das fällt mir seit geraumer Zeit auf – könnte ich jede dieser Kolumnen mit den Worten „Eigentlich wäre es doch ganz einfach“ beginnen. Denn sieht man mal davon ab, dass das Telefonbuch mittlerweile nicht mehr „Amtliches Fernsprechverzeichnis“ sondern „Telefonbuch“ heißt (jetzt, wo es kaum noch jemand benutzt, heißt es endlich so, wie es heißt) fällt mir wenig ein, das nicht komplizierter als früher geworden ist.

Das wäre nicht so tragisch, handelte es sich nur um solche Kleinigkeiten. Doch leider wird alles umso verschwurbelter, je größer, wichtiger und weltbewegender es ist. Nehmen wir nur einmal eine der gigantischsten globalen Bedrohungen, den Plastikmüll. Dieses Problem werden wir nicht mehr beheben können, wir vermögen lediglich noch den Schaden zu begrenzen. Doch auch dafür sind weit und breit keine wirklich tauglichen Bemühungen in Sicht. Mit dem Verzicht auf Strohhalme und Wattestäbchen ist es da nicht getan.

Und nun kommt er wieder, der Satz: Dabei wäre es eigentlich doch so einfach. So könnte man einen Großteil der Verpackerei doch schlicht unterlassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemals ein Kunde gefordert hätte, ihm vier Scheiben Schinkenwurst in ein Plastikschälchen einzuschweißen. Oder drei Äpfel, zwei Krapfen, eine Gurke.

Doch wenn es der Verbraucher nicht war, wer dann? Gewiss zu einem Großteil der Handel. Der Verzicht auf Bedienungspersonal spart Arbeitsplätze, steigert also den Gewinn. Und der Kunde kann sich ja schwerlich seinen Schinken selbst vom Bock hobeln. Hauptschuldig aber ist meines Erachtens der Hygienewahn, der sich seit der Gründung der Europäischen Union eigenartigerweise dramatisch verschlimmert hat.

Eine ungeheure Vielzahl immer unsinnigerer Vorschriften bedeuteten für unzählige kleine Handwerksbetriebe das Aus, da sie die Umsetzung der neuen, hanebüchenen Reinlichkeitsverordnungen nicht stemmen konnten. Metzgereien mussten schließen, Käsereien, Bäckereien, Brauereien, Fischzuchtbetriebe und viele mehr. Das hatte nicht nur zur Folge, dass kleine Läden und regionale Spezialitäten verschwanden, sondern dass überall alles gleich schmeckt. Gleich unspannend, gleich fantasielos, gleich langweilig, gleich genormt halt. Und das europaweit. Und: dass die Berge an Verpackungsmüll exorbitant wuchsen und immer noch wachsen.

Was bitte soll der Hygienewahn? Will man aus uns eine antiseptische Gesellschaft machen? Und warum? Es kommt noch absurder. Denn kann es richtig sein, durch Mast geschundene, mit Antibiotika vollgepumpte Tiere in kaum belüfteten Lastern zusammengepfercht durch ganz Europa zu karren, dann auf quälende Weise zu schlachten, sie zusammen mit allerlei chemischen Konservierungs-, Farb- und Geschmacksstoffen zu Wurst zu verarbeiten – und diese dann „unter Schutzatmosphäre“ scheibchenweise in Plastik verpackt in den Supermarkt zu legen?

Und da dann auch noch ein geschöntes „Mindesthaltbarkeitsdatum“ aufzudrucken – damit der Dumme sie möglichst früh wegwirft, um sich dann neuen antibakteriell in Plastik verpackten Dreck zu kaufen? Da ist mir eine gute Ware aus der Hand eines ehrlichen Metzgers doch Tausend Mal lieber – selbst wenn der grad auf dem Klo war und seine Pranken nicht gewaschen hat.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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