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Air Force One: In den 90ern war es im Kino konsensfähig, westliche Werte mit Krieg durchzusetzen.

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Hurrapatriotischer Hollywoodvollfettquark

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So mancher Streifen aus den 90er Jahren wirkt heute politisch überholt - wie etwa "Air Force One". Die Kolumne.

Ferien. Wir gucken den Film „Air Force One“. Das Hirn möchte sich auch erholen. Die Boeing des US-Präsidenten wird von Terroristen gekapert, und Amtsinhaber Harrison Ford räumt auf an Bord. Mit diesem Werk von Wolfgang Petersen und Roland Emmerichs „Independence Day“ rührten Mitte der 1990er zwei deutsche Regisseure den hurrapatriotischsten Hollywoodvollfettquark.

Ich will dabei nicht nachdenken. Doch dann fällt mir auf, dass der Film nicht nur alt, sondern veraltet ist – und das nicht, weil der Hauptdarsteller noch straff wirkt und die Spezialeffekte aussehen, als wären sie von Ed Wood. Nein, gleich am Anfang gibt es eine Kommandoaktion gegen einen üblen postsowjetischen Despoten.

Harrison Ford hält die Siegesrede, zerknirscht statt stolz: „Die Wahrheit ist, dass wir zu spät gehandelt haben. Wir haben erst gehandelt, als unsere eigene nationale Sicherheit bedroht war. Wir verhängten nur Handelsembargos und verschanzten uns hinter der Rhetorik der Diplomatie. Wahrer Friede ist nicht nur die Abschaffung von Krieg, er ist vielmehr der Sieg der Gerechtigkeit. Unsere Außenpolitik wird sich von heute an ändern. Nie wieder werde ich zulassen, dass unsere politische Engstirnigkeit uns daran hindert, irgendetwas zu tun, was wir für moralisch richtig halten. Wir werden nicht verhandeln.“

Der blanke Interventionismus der USA. Das Drehbuch stammt allerdings nicht vom späteren Echtpräsidenten George W. Bush oder von seinen Büchsenspannern Paul Wolfowitz und Richard Perle.

Die Idee, sogenannte westliche Werte mit Feuer und Schwert über die Welt zu bringen, war vor 20 Jahren offenbar so konsensfähig, dass man damit dem Massenpublikum einen Pappkameraden als Sympathieträger unterjubeln konnte. Das klang ja alles auch edel, hilfreich und gut, zumal in den Ohren jener, die fest daran glauben, dass es immer nur um Freiheit und Menschenrechte geht.

„Air Force One“ ist also nicht nur Quatsch. Das hat visionäre Kraft. Nach dem Abspann ging die Story erst richtig los: Mit dem Fall Milosevics ließ sich die globale Gerechtigkeitsherstellung noch einigermaßen an, wenn auch völkerrechtswidrig und unter Einsatz der üblichen Lügen. Doch die Entfernung der Herren Mullah Omar, Saddam Hussein und Muammar Gaddafi zeitigt bis heute schwerste Kollateralschäden in Afghanistan, im Irak oder in Libyen. Und Baschar al-Assad ist noch in Arbeit.

Was die moralische Richtigkeit dieser einst glorios in Cinemascope verkündeten „Außenpolitik“ betrifft, haben inzwischen nicht nur die im Nahen und Mittleren Osten Hinterbliebenen eine abweichende Meinung. Derzeit würde wohl keine Autorin und auch kein Autor diese Präsidentenrede in einen Blockbuster hineinschreiben. Denn viele Zuschauer könnten hadern: Wer so plappert, ist kein Held, sondern ein Idiot. In was reitet der die Welt da rein? Hoffentlich fällt er auf die Fresse.

Donald Trump hat die Filmmusik von „Air Force One“ im Wahlkampf benutzt. Doch so, wie ich Hollywood politisch einschätze, ist es unwahrscheinlich, dass sich dort ein Produzent erbarmt und den Stoff recycelt, um einem Wiedergänger des aktuellen Präsidenten eine Maschinenpistole in die Hand zu drücken. Letzteres wäre ohnehin verzichtbar. Trump könnte Widerstand auch nieder-twittern: #HijackedByFakeNewsMedia #AllTerroristsAreFired #MakeMyBrainGreatAgain #covfefe.

André Mielke ist Autor.

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