Welternaehrungsprogramm_3_NOBEL-PRIZE-PEACE.JPG
+
Eine Frau in einem Flüchtlingscamp in Syrien hält eine Essensbox des Welternährungsprogrammes.

Friedensnobelpreis

Hunger beseitigen! Welternährungsprogramm muss um Unterstützung betteln - eine Schande

  • Tobias Schwab
    vonTobias Schwab
    schließen

Das Nobelkomitee erinnert uns alle mit dem Friedensnobelpreis für die UN-Organisation an ein Problem, gegen das wir nicht genügend angehen. Der Leitartikel.

Glückwunsch, Welternährungsprogramm! Gratulation, Nobelkomitee! Die Entscheidung, den diesjährigen Friedensnobelpreis an die multilaterale Institution zu vergeben, die seit Anfang der 1960er Jahre gegen Ernährungskrisen ankämpft, ist eine weise und weitsichtige Entscheidung zur rechten Zeit.

Ohne Zweifel, die in den vergangenen Tagen in den Wettbüros hochgehandelte Klimaaktivistin Greta Thunberg oder die Weltgesundheitsorganisation wären auch würdige Preisträger gewesen - die Vergabe an das World Food Programme (WFP) sendet aber gleich in mehrfacher Hinsicht wichtige Signale.

2030 soll der Hunger weltweit besiegt sein

Erinnern wir uns: Das zweite Ziel der UN-Nachhaltigkeitsagenda, das bis 2030 erreicht werden soll, lautet „Zero hunger“. In zehn Jahren also soll der Hunger weltweit besiegt sein. Das aber rückt aktuell in immer weitere Ferne. Zwar ist die Zahl der Menschen, die nicht genug zu essen haben, bis zum Jahr 2015 gesunken, doch seither steigt sie wieder kontinuierlich an. Schon vor der Corona-Krise verfügten nach UN-Angaben rund 690 Millionen Menschen nicht über genug Nahrung. Bis 2030 könnte deren Zahl auf rund 840 Millionen steigen, so die Prognosen.

Dabei sind es nicht nur die Folgen der Pandemie, die Hunger und Armut in Entwicklungs- und Schwellenländern wachsen lassen und frühere Erfolge zunichte machen. Ursächlich sind vor allem auch kriegerische Konflikte, Vertreibungen und immer mehr der Klimawandel.

Schon jetzt sorgt die Erderwärmung in zahlreichen Regionen dafür, dass Dürren oder Überschwemmungen Ernten vernichten - und Teller am Ende leer bleiben. Dabei ist die Not schon groß, wenn nur noch eine Mahlzeit am Tag möglich ist. Gewaltsame Konflikte um die letzten fruchtbaren Flächen und noch nicht versiegte Wasserquellen sind dann oft die Folge.

Welternährungsprogramm kämpft an vorderster Linie gegen den Hunger

Zunehmend aber werden Menschen und Regionen in Krisen auch ausgehungert. Nigeria, Somalia, Südsudan und der Jemen beispielsweise. Zyniker beschreien das als die billigste und wirkungsvollste Waffe, über die Militärs und Milizen verfügen. Nicht umsonst verabschiedete der UN-Sicherheitsrat angesichts dieser Entwicklung 2018 eine Resolution, die den Einsatz von Hunger als Kriegswaffe verurteilt.

Eine Institution, die seit Jahren an vorderster Linie gegen den Hunger kämpft, 2020 mit der global renommiertesten politischen Auszeichnung zu bedenken, heißt auch, den Blick der Weltöffentlichkeit ganz gezielt auf das Menschenrecht auf Nahrung zu lenken. Wo das missachtet oder verweigert wird, ist das Welternährungsprogramm meist mit Nothilfe zur Stelle - wirft Essensrationen aus Flugzeugen über schwer zugänglichen Gebieten ab oder verteilt Getreidesäcke, Salz und Öl in Flüchtlingslagern. Das sind jedenfalls die Bilder, die wir alle kennen.

Welternährungsprogramm muss um Unterstützung betteln - eine Schande

Dabei geht das Engagement weit über die humanitäre Nothilfe hinaus. Längst importiert das WFP nicht mehr nur Agrarüberschüsse aus Industriestaaten, sondern kauft möglichst regional ein, um Einkommen und Entwicklung auch vor in Ort in Afrika zu schaffen. Dies zum Beispiel auch mit Food-for-work-Programmen, bei denen notleidende Menschen in Projekten mitarbeiten und für ihre Arbeit Nahrungsmittel oder Bargeld erhalten. Ziel ist dabei stets, langfristig den Zugang zu gesunder Nahrung dauerhaft zu verbessern.

Dass das WFP dabei immer wieder selbst um Unterstützung betteln und wegen mangelnder Finanzierung die Essensrationen in akuten Krisen kürzen muss, ist eine Schande. Als Nebenorganisation der UN verfügt das WFP über keinen festgesetzten Etat und ist auf freiwillige Überweisungen von Staaten angewiesen. Rund 60 Nationen leisten mehr oder weniger ihren Beitrag. Mit rund 800 Millionen Euro war Deutschland 2019 nach den USA der zweitgrößte Geber.

Was die Staaten in den Spendentopf werfen, reicht aber bei Weitem nicht, um die ärgste Not zu lindern. Im Jemen beispielsweise, wo 13 Millionen Menschen auf tägliche Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind, musste die Organisation in diesem Jahr ihre Hilfen beschneiden.

Weltgemeinschaft muss den Hunger so schnell wie möglich besiegen

Wer die Botschaft aus Oslo richtig verstehen und den Preisträger glaubwürdig feiern will, müsste nun mit aller Kraft daran arbeiten, die humanitäre Arbeit des WFP auf eine verlässliche finanzielle Basis zu stellen und konsequent die Ursachen von Hunger und Mangelernährung zu bekämpfen. Nur mit einer multilateralen Anstrengung kann das gelingen - unter dem Motto „Food First!“. Besonders Autokraten und Einzelkämpfern, die nur sich selbst und ihre Nation an erster Stelle sehen und globale Institutionen, wo es geht, schwächen, gilt das Signal des Nobelkomitees. Denn es ist immer noch eine der größten Herausforderungen und Verpflichtungen der Weltgemeinschaft, den Hunger so schnell wie möglich zu besiegen.

Schon mancher Friedensnobelpreisträger hat die mit der Ehrung verbundenen Hoffnungen enttäuscht. Das ist beim WFP nicht zu erwarten. Allenfalls ist denkbar, dass andere die Organisation und die auf sie angewiesenen Menschen im Stich lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare