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Es gibt in vielen vor allem ländlichen Gegenden keine Hospitäler, keine Krankenstationen, keine Gesundheitsinfrastruktur.

Gastbeitrag

Hunger und Armut in der Corona-Krise: Hilfe muss gerecht verteilt werden

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Die Infektion mit dem Coronavirus ist nicht die einzige Gefahr. Es werden mehr Menschen an den indirekten Folgen von Covid-19 sterben, als an den direkten.

  • Die Sars-CoV-2-Pandemie hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet
  • Manche Ländern werden die indirekten Folgen des Coronavirus noch viel schlimmer treffen
  • Die Corona-Hilfen müssen für alle gerecht verteilt

Die Sars-CoV-2-Infektion hat die ganze Welt erreicht. Doch gestaltet sich die Verbreitung sehr unterschiedlich – abhängig von vielen Faktoren. Afrikanische Regierungen haben schnell reagiert und Ausgangssperren verhängt, als die bekannten Fallzahlen noch sehr niedrig waren – nach dem Motto: „Wir haben keine Chance, aber die wollen wir nutzen!“

In armen Ländern lassen die Lebensbedingungen großer Bevölkerungsteile Maßnahmen gar nicht erst zu, mit denen Industrienationen seit Wochen auf die Corona-Krise reagieren: Stetes Händewaschen? Laut den Vereinten Nationen hat etwa ein Viertel der Weltbevölkerung kaum Zugang zu sauberem Wasser.

Corona-Krise weltweit: Nicht alle können Hände waschen

Abstand halten? In den ungezählten Slums am Rande der Megastädte – undenkbar; und in den gnadenlos überfüllten Flüchtlingslagern oder informellen Unterkünften der Abermillionen Flüchtlinge – eine Farce. Testmöglichkeiten und Schutzkleidung? Für Regierungen armer Staaten angesichts der ungeheuren Preissteigerungen auf dem Weltmarkt und nationalistischer Egoismen – unerreichbar.

Medizinische Behandlung? Für Arme schon vor Corona ein Ausfall. In Subsahara-Afrika besitzt kaum jemand eine Krankenversicherung. Die Preise für medizinische Behandlung sind horrend. Die Mittel reichen kaum für Erste Hilfe oder einen Kaiserschnitt. Es gibt in vielen vor allem ländlichen Gegenden keine Hospitäler, keine Krankenstationen, keine Gesundheitsinfrastruktur.

Finanzielle Corona-Hilfen: Weniger Staat, mehr Stiftungen?

Seit der Schuldenkrise der Achtziger Jahre haben die Weltfinanzorganisationen Druck auf die öffentliche Daseinsvorsorge gemacht. Die ideologische Richtung: schlanker Staat, der Markt wird es richten. In den vergangenen Jahren haben reiche Länder wie die USA ihre Beiträge für die UN-Gesundheitsorganisation WHO drastisch gekürzt. Private Stiftungen – wie die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung – haben diese Leerstelle gefüllt.

Unaufhaltsam verbreitete sich mit dieser Entwicklung auch die Überzeugung, dass Impfkampagnen und Einzelinterventionen privater Geldgeber effektiver seien als die staatliche Sicherung der medizinischen Grundversorgung. Die Kanzlerin hat auf einer von der EU organisierten Konferenz zur globalen Covid-19 Pandemiebekämpfung von 535 Millionen Euro zugesagt – Geld für die Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten. Viele pharmazeutische Verbände, der Verband der Impfstoffhersteller, Generika-Hersteller, Impfallianzen, Bill Gates und andere Philanthropen waren geladen.

Corona-Hilfen für alle - aber wie?

Die Kanzlerin mahnte, die Medikamente sollten für alle Länder und Menschen, besonders die Armen, zugänglich sein. Aber diese Forderung wurde nicht mit Bedingungen unterfüttert. Es wurde auch nicht entschieden, wer dafür sorgen soll, dass die Steuermittel, die in die Kassen der Pharmaindustrie fließen, global gerecht verteilt werden.

Abermilliarden werden derzeit von den reichen Staaten für den Kampf gegen die Pandemie bereitgestellt, doch ungeklärt ist, wie sie verteilt werden, wer davon am Ende profitiert. Die Bundesregierung hat einen Rettungsschirm aufgespannt und in einem Nachtragshaushalt zusätzlich 156 Milliarden Euro bewilligt, die Forderung des Entwicklungsministers aber nach zusätzlichen drei Milliarden für Entwicklungsländer stößt bei Finanzminister Olaf Scholz auf taube Ohren.

Geld für Corona-Hilfe: Grundversorgung in Entwicklungsländern

Cornelia Füllkrug-Weitzel ist Präsidentin von Brot für die Welt.

Dabei sind diese drei Milliarden nicht nur für Gesundheitsmaßnahmen vorgesehen. Sie sollen die Grundversorgung in armen Ländern sicherstellen, auch, um drohende Hungerkatastrophen zu verhindern. Millionen Menschen, die von der Hand in den Mund leben und ihr Geld, etwa als Tagelöhner oder Haushaltshilfe, im informellen Sektor verdienen, können die verhängten Ausgangssperren nicht einhalten, weil sie sonst nicht überleben. Schulspeisungen können nicht stattfinden. Millionen Kleinbauern können weder die Saat ausbringen noch die Felder bestellen, weder die Früchte ernten, noch sie verkaufen.

Das Welternährungsprogramm erwartet, dass sich die Zahl der extrem Hungernden dieses Jahr von 135 auf 265 Millionen verdoppeln wird. Die Weltbank schätzt, dass 40 bis 60 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut gestoßen werden. Es werden also sehr viel mehr Menschen an den indirekten Folgen von Corona sterben als an den direkten Folgen der Krankheit.

Nach der Corona-Krise: Mehr nachhaltige Entwicklung

Es gilt nun, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise umgehend abzumildern. Langfristig angelegte Wirtschaftshilfe und Konjunkturprogramme müssen auf eine global nachhaltige Entwicklung ausgerichtet werden und sicherstellen, dass insbesondere die sozialen Sicherungssysteme krisenfest aufgestellt sind. Auch wenn in Europa die Lockerungen den Menschen Erleichterung bringen, darf nicht vergessen werden: Der Bedarf an internationaler Unterstützung ist größer denn je.

Cornelia Füllkrug-Weitzel ist Präsidentin von Brot für die Welt.

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, über die Reform der Entwicklungsarbeit, drohende Hungersnot und Corona-Aufklärung mit Comics: Im Interview warnt er davor, die Ärmsten nicht im Stich zu lassen.

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