Kolumne

Humbatäterä

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Die närrische Zeit ist nicht mehr, was sie einmal war. Und sie dauert heutzutage weit länger als nur bis Aschermittwoch.

Die närrische Zeit war einst ein Begriff, der allein die fünfte Jahreszeit bezeichnete, je nach Region bekannt als Karneval oder Fasching. In grauer Vorzeit sollten damit die bösen Wintergeister vertrieben werden, damit die Zeit des Pflanzens und Blühens beginnen konnte.

Nicht nur gute Christen nutzten später diese Tage, um vor der Fastenzeit noch einmal richtig auf die Pauke zu hauen, was asketische Misanthropen als Völlerei gepaart mit unzüchtigem Verhalten bezeichnen würden. Und den Kölnern waren die Tage vor Aschermittwoch von 1823 an willkommene Gelegenheit, nach Abzug der ungeliebten Franzosen die ebenso ungeliebte preußische Obrigkeit zu karikieren und zu kritisieren.

Solche Motivationen stehen heute nicht mehr im Fokus, wenn von Weiberfastnacht bis Faschingsdienstag übermütige Menschen verkleidet durch die Kneipen ziehen, sich entlang der Umzüge Erwachsene und Kinder um geworfene Kamellen balgen, regionale Fernsehsender Humbatäterä-Sitzungen in die Wohnzimmer bringen und wenn selbst nach ganz flachen Witzen ein Tusch Applaus heischt.

Als gänzlich vergessen und überflüssig erweist sich inzwischen das Ansinnen, die Wintergeister zu vertreiben. Im Gegenteil, eigentlich müsste man sich einen richtigen Winter zurückwünschen, denn die Aussicht auf einen solchen rückt dank Klimawandel in immer weitere Ferne. Der warme Winter bringt Obstbäume zu früh zum Blühen, Kröten wandern Wochen früher als normal zum Laichen in die Gewässer, und wenn die Zugvögel überhaupt im Herbst nach Süden gezogen sind, sind sie jetzt schon wieder auf dem Weg zu ihren Nistplätzen.

Die närrische Zeit ist unabhängig geworden von Jahreszeiten. Das Hickhack um die Wahl in Thüringen wird zur nationalen Lachnummer, selbst dem wortgewandten CSU-Chef Markus Söder fällt dazu nichts mehr ein. Im Schlepptau der Überraschungspointen suchen sich (ausschließlich männliche) Kandidaten für den CDU-Vorsitz zu profilieren – oder gar gleich für das Kanzleramt.

Bliebe einem das Lachen nicht im Halse stecken, wäre auch die Haltung von FDP und AfD zum Klimawandel eine echte Lachnummer. Leid tun kann einem die SPD, deren Doppelspitze nach ihrer Zangengeburt längst von einem grünen Traumpaar überholt wurde.

Voller Gags sind die Meldungen über den Zustand der Bundeswehr. Nehmen wir die Zahl der nicht funktionierenden Panzer und der flugunfähigen Hubschrauber lächelnd als einen Beitrag zum Frieden. International erheitert auch die deutsche Wertarbeit beim Flughafenbau in Schönefeld und beim Tricksen mit Abgaswerten.

Enttäuscht wird vermutlich die Hoffnung auf richtig gutes Kabarett aus dem Verkehrsministerium. Denn eine so unvergessliche Rede, wie sie Edmund Stoiber zum Transrapid hielt, wird Andreas Scheuer wohl nicht hinbekommen, jetzt, da er einen neuen Mini-Transrapid ins Gespräch bringt. Aber aus seinem Hause kam in letzter Zeit ja schon genug Erheiterndes. Oder doch Ärgerliches?

Egal, was das bekannte Faschingslied sagt, es sieht derzeit ganz so aus, als ob an Aschermittwoch die närrische Zeit nicht vorbei ist.

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