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Hüpfen bei Rot

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Von: Regine Sylvester

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In der Straßenbahn, in der U-Bahn und der S-Bahn wird man Teil eines sozialen Ensembles. Und Beobachter des Lebens.

Der Regisseur über mir ist ein passionierter Fußgänger. Früher gingen wir an Wochenenden als gute Nachbarn spazieren. Wir standen vor Berliner Baugruben, liefen neben der Spree vom Hauptbahnhof bis zum Monbijoupark, besuchten Friedhöfe, fanden vergessene Ecken, letzte Ruinen und sahen Passanten in die Augen. Leider hatte der Regisseur bald danach eine schöne Freundin, die seine Frau wurde. Mit der spaziert er nun herum, manchmal fahren beide auch Fahrrad und winken, wenn wir uns begegnen.

Wie könnte ich unterwegs sein? Eine allein spazierende Frau, zumal am Wochenende, wirkt – jedenfalls glaube ich das – ein wenig einsam und bedürftig. Das wollte ich nicht. Weil ich gerne unter Menschen bin, wurde der öffentliche Nahverkehr meine bevorzugte Bewegung. Außerdem habe ich eine Jahreskarte gekauft, die sich quasi täglich rentieren soll. Ich bin seitdem in einer zufälligen Gemeinschaft unterwegs. Inzwischen glaube ich: Wer immer nur mit dem Auto fährt, kann diese Stadt gar nicht wirklich kennen.

In der Straßenbahn, im Bus, in der S-Bahn, in der U-Bahn werde ich Teil eines sozialen Ensembles. Einzelne Männer und Frauen, Familien, Schulklassen, Touristen, Ausländer, Rentner, Pärchen. Es fehlen die erkennbar Reichen. Abgerissene Leute warten mit hängendem Kopf und zerknitterten Plastiktüten auf ihren Ausstieg.

Eine Frau erzählt ihrem gänzlich verstummten Mann, dass man ihr im Krankenhaus einen Nagel in den Kopf getrieben habe. Sie redet sehr laut und spreizt Daumen und Mittelfinger: so lang!

Ein Bärtiger läuft durch die Wagen und bietet Gespräche an: Auf seinem kleinen Koffer steht geschrieben: „Rede mit Jesus!“ Eine Mutter hält ihre Tochter auf dem Schoß und flüstert Polnisch. Eine andere Mutter telefoniert und schüttelt dabei den Wagen mit dem schreienden Kind wie diese Testmaschinen, die die Haltbarkeit von Produkten prüfen. Handwerker in Montur sind mit Leitern, Eimern und Werkzeugkoffern unterwegs, jeden Morgen, jeden Abend ein Arbeitsleben lang. Der öffentliche Nahverkehr durchquert Gegenden, die man sich kaum als eine Stadt zusammendenken kann.

Am Nachmittag müssen die meisten in den überfüllten Wagen von U- und S-Bahn stehen, sie halten sich an Stangen fest, oft mit geschlossenen Augen, erschöpft von schwerer Arbeit. Am Bahnhof Schönhauser Allee wechseln die Fahrgäste zwischen U-Bahn und S-Bahn. Endlose Ströme, Stufen, Rolltreppen, aufwärts und abwärts. Masse Mensch – wie in dem Science-Fiction-Film „Metropolis“, von Fritz Lang aus dem Jahr 1927.

In der Straßenbahn versuche ich, so zu stehen, dass ich vorne durch die dunkle Scheibe das Geschehen beobachten kann – aus der Perspektive der Straßenbahnfahrer. Die sind meine Helden des Alltags.

Immerzu geschieht Unerwartetes: Fußgänger schlendern über die Gleise, ohne nach links und rechts zu sehen. Ein Hund steht bellend auf den Schienen. Autofahrer biegen plötzlich ab. Eine Gruppe älterer Frauen hüpft ungeschickt bei Rot über die Straße und kichert wegen ihres Übermuts. Nach Weihnachten müssen die Fahrer oft aussteigen und die ausgedienten Weihnachtsbäume zur Seite räumen – starke Winde haben sie vom Bürgersteig auf die Schienen gerollt. Straßenbahnfahrer können nur klingeln und bremsen, ausweichen können sie nicht. Unsereiner hat es da leichter.

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