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Hüllenlos baden

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Von: Karl-Heinz Karisch

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Es gibt weniger FKK-Strände. Im Zeitalter der Smartphones möchte sich keiner nackt im Internet wiederfinden.

Die Sonne schien aus allen Knopflöchern. Wir beschlossen, einen Ausflug an eine Kiesgrube vor den Toren von Frankfurt am Main zu machen. Meine Erstsemestergruppe gab sich ganz kess: Zum Nacktbaden! Ja! Und ich dabei. Zum ersten Mal. Kurz vor der Abfahrt kniffen die ersten. Keiner wollte zugeben, dass er die Hosen voll hatte und sie weiter tragen wollte. „Wir behalten erst mal das Badezeug an“, schlug ich beherzt vor. Mit einigem Bammel landeten wir schließlich am steilen Sandstrand. Es dauerte keine halbe Stunde, da tollten alle ausgelassen im frischen Wasser. Nackt natürlich. Von Peinlichkeit keine Spur.

Bis heute hasse ich nach dem Baden die nassen und kalten Klamotten am Leib. Gerade tummle ich mich an der Wiege der deutschen Freikörperkultur, auf Sylt. Vorreiter war hier 1880 der kühne Arzt Andreas Jenner, der Badebekleidung ablehnte, weil sie die heilende Wirkung der Nordseewellen behindere. Recht hat der Mann. Richtig in Schwung kam seine Idee von der totalen Nacktheit und der heilenden Frischluft um die Jahrhundertwende, als in Berlin die Hinterhöfe dunkel und feucht waren und schrecklich ungesund. Die Lust am Nacktsein überrannte in freiem Lauf und gegen jede Prüderie alsbald die Strände von Ost- und Nordsee. Auf Sylt öffnet 1920 das erste offizielle Nudistencamp in Deutschland. Nacktheit wird fortan die neue Lebensform zur Pflege von Körper, Geist und Seele.

Die Nazis verbieten dann zwar FKK, machen aber Nacktheit zum Teil der braunen Ästhetik, rein und nackt und sauber. Und arisch. Erst nach dem Krieg geht es wieder etwas unbefangener weiter. In der DDR wird das Nacktbaden zu einer Massenbewegung gegen die prüde Obrigkeit. Die Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates bevölkern hüllenlos die kilometerlangen Strände der Ostsee. Bei den beliebten Kamerun- und Neptunfesten wird mit Muschelketten um den Hals wild und nackt getanzt. Glücklicherweise sind auch Mitglieder der Intelligenz, Kulturschaffende und hohe SED-Genossen an den Ausschweifungen beteiligt. Auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs fallen die Hüllen. Die Kommune 1 schockt mit ihrem berühmten Nacktfoto die Nation. Als sie sich nach dem Shooting wieder anzogen, verkrümelten sich die Kommunarden allerdings schamvoll in die Ecken. Aber es ist ein Anfang. Die „Buhne 16“ in Kampen auf Sylt wird zum Tummelplatz der Reichen und Berühmten. Brigitte Bardot feiert mit ihrem Playboy Gunter Sachs wilde Partys. Kaum zu glauben, wenn man sie heute so sieht mit ihrer rechtsrandigen Gesinnung und ihrem Tiertick. Deutschland ist international die toleranteste Nation. Wenn es ums Nackte geht.

Dabei gibt es leider immer weniger FKK-Strände. Im Zeitalter der Smartphones möchte sich keiner später nackt im Internet wiederfinden. Fast schon ein Ende der Freikörperkultur hat hier gerade die Sylter Rundschau heraufbeschworen. Der Anfänger brauche einfach ein paar Scham-Tage am Strand, bis er es nackt wagt. Aber da ist der Urlaub schon rum. Der Kurzurlaub als neuer Feind des Nackten. Ob wohl in ein paar Jahren auf Sylt noch immer „nackte Ärsche in jeder Welle“ zu sehen sind, wie die Schauspielerin Romy Schneider geschockt feststellte? Gern, wenn es das Wetter zulässt. Im Moment ist es schon recht sonnig, aber noch arschkalt.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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