Kolumne

Die Hühner der Witwe Bolte

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Ein Gerichtsurteil markiert das Ende des Schredderns von Küken und ist doch nur ein kleiner Erfolg im Tierschutz. Zweinutzungshühner wären besser als die Turborassen. Die Kolumne.

Rechtssicherheit macht das Leben leichter. Sie schafft Klarheit, was erlaubt ist und was nicht. Dies umso mehr, wenn das Urteil von einem Bundesgericht ergeht. Letztinstanzlich. Ein solcher Richterspruch hilft ganz aktuell der Hühnerindustrie. Sie weiß jetzt, dass sie weiterhin legal männliche Eintagsküken schreddern darf.

Diese millionenfachen Tötungen sind zwar ethisch heute nicht mehr vertretbar, sie stammen aber aus einer Zeit, so das Gericht, als der Tierschutz noch weniger Gewicht hatte. Dennoch bleibt das Leben der Flaumbällchen zunächst Wegwerfware.

Das Bundesverwaltungsgericht hat aber auch ein Ende dieser Grausamkeit festgelegt, nämlich die Einführung von Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei. Eier mit männlichen Genen würden einfach nicht ausgebrütet. Man mag aufatmen bei diesem Urteil, aber es ist doch nur ein bescheidener Sieg des Tierschutzes. Denn die Geflügelhaltung ändert sich dadurch nicht. In Legebatterien bleiben die Hennen wie bisher zusammengepfercht und können kaum etwas tun, was ihrem Wesen entspräche. Außer eben Eier legen.

Diese Hühnerrassen sind auf Höchstleistung beim Eierlegen gezüchtet, sonst nichts. Wir kennen das Prinzip aus der Rinder- und Schweinehaltung. Gezüchtet wird dort auf maximale Milch- und Fleischerträge. Und je billiger die Haltung, desto höher der Profit. Dass die männlichen Küken einfach entsorgt werden, ist finanziell attraktiv. Sie taugen nicht für die Mast, weil sie kaum Fleisch ansetzen, denn das Ziel der Zucht ist bei diesen Rassen nur auf die zum Leben verurteilten Hennen und ihre Eizahlen gerichtet. Die gleichen Turbohennen werden übrigens auch in der Bioeier-Produktion eingesetzt. Tröstlich immerhin, dass die Haltung dort eher ihrem Naturell entspricht.

Alte Hühnerrassen statt dieser hochgezüchteten Versionen findet man nur noch bei Kleintierhaltern und traditionell wirtschaftenden Bauern. Und da kann man auch die Hähne auf den Teller bringen. Deswegen heißen diese Rassen „Zweinutzungshühner“. Die Hennen erzeugen Eier und können schließlich auch noch in der Suppe landen, die Hähne liefern Fleisch. Witwe Bolte ging damit in die Literatur ein, und es lag nur an der Bösartigkeit zweier Strolche, dass sie den Haltungserfolg nicht selbst auskosten konnte. Warum also verschwand dieses Konzept fast völlig?

Die weiblichen Tiere liefern deutlich weniger Eier, die Hähne müssen bis zur Schlachtreife doppelt so lang gefüttert werden wie Masthähnchen. Das kostet mehr. Ihren Gewinn will sich die Industrie jedoch nicht schmälern lassen. Die Nachfrage könnte es steuern, aber nicht jeder Verbraucher kann es sich leisten, tiergerecht erzeugte Produkte zu kaufen, weil die teurer sind als die industrielle Massenware.

Man kann dem Deutschen Tierschutzbund nur beipflichten, wenn er als das Grundübel in der Tierproduktion die Hochleistungszucht anprangert. Nicht nur beim Geflügel. Im Interesse der Tiere, der Umwelt und unserer eigenen Gesundheit wäre ein Ende der industriellen Tierproduktion das Traumziel. Massentierhaltung gäbe es dann nur noch bei der Honigbiene, und das wäre gut so.

Mit etwas Nachdenken und ethischer Grundeinstellung hätte kein Mensch auf die Idee kommen dürfen, männliche Küken zu schreddern. Im Lichte dessen ist es irgendwie erschreckend, dass sich ein Bundesgericht überhaupt mit der Materie beschäftigen musste.

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