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Was ist schlimmer? Der fiktionale oder der reale Horror?

Vampire

Horror? Rausgehen reicht!

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Ist die Realität fiktionaler geworden oder die Fiktion realer? Und liegt irgendwo dazwischen auch noch so etwas wie Wahrheit? Die Kolumne.

Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, mal wieder einen Tatort zu gucken. Ich verfügte über keinerlei Vorinformationen, wusste also nicht, was für einer da auf mich zukommen sollte. Am meisten mag ich ja solche mit überschaubaren Handlungen. Tat, Ermittlung, Verfolgungsjagd, Verhaftung. Das reicht mir vollkommen. Also nix mit Computerkriminalität, Menschenhandel, Spielsucht, Aktienbetrug oder generell verschwurbelter Handlung.

Ich kann auch nichts mit Kommissaren anfangen, die sich trotz Burnout, Tatterich, Ehegattensplitting, Inkontinenz oder Laktoseintoleranz zum Dienst schleppen. Wie jeder andere aufrechte Beamte sollen die sich gefälligst dienstunfähig melden und nicht hochgradig angeschossen im Fernsehen herumhüpfen. Das entbehrt doch jeglichem Realitätsbezug. Ich prangere das an.

Und nun? Vor meinen Augen wurde in diesem Tatort ein Kommissar von einer Vampirin gebissen. Was soll denn das nun? Klar, es hängt vermutlich mit der US-amerikanischen Volksverdummung namens „Halloween“ zusammen, doch das macht es ja nicht besser. Und was folgt da wohl noch?

Mord an Thanksgiving mit einem vogelgrippeverseuchten Truthahn? Tote Rosen am Valentinstag? Bleibt mir doch vom Leib mit dem Quatsch! Und überhaupt! Wenn ich einen Horrorfilm gucken möchte, brauche ich keinen Tatort. Ich gehe dann einfach aus dem Haus und sehe mich um.

Ferngesteuerte Zombies mit Smartphone und Kaffeebecher

Überall staksen ferngesteuerte Zombies mit Smartphone und Kaffeebecher umher. In wilder Jagd verfolgen Autofahrer in Todesangst strampelnde Radler. An jeder Ecke lauern Giftmörder mit Hamburgern, Smoothies und Putendönern.

Fremde Mächte infiltrieren Leute aus unseren eigenen Reihen, gründen eine Partei des Bösen und überqueren überall die Fünf-Prozent-Grenze. Geldstrotzende Gestalten in teuren, aber schlecht sitzenden Kampfanzügen schleichen von Haus zu Haus und nötigen mit falschem Gelächter und ebensolchen Versprechungen unbescholtene Bürger zum Auszug aus ihren Wohnungen, und sogar am vermeintlich so friedvollen Weihnachtsfest trachten uns Hinterhältige mit Zuckerbomben und Fettgranaten nach dem Leben.

Was brauchen wir denn da noch einen Tatort, der versucht, uns durch das Übersteigern des sowieso schon Übersteigerten noch mehr Entsetzen ins Gesicht zu schreiben?

Wahl zwischen Professor Brinkmann und Graf Dracula

Mehr noch: Nicht nur das Schlechte wird übersteigert, sondern auch das Gegenteil – nämlich in den Filmen über das Gute. Dort geschieht menschliches Miteinander nicht samstagmorgens an der Waschstraße, nachmittags im Erlebnisbad oder abends in „Rudi’s Bierpub“, sondern auf Traumschiffen, in Kliniken unter Palmen, in norwegischen Fjorden, an thailändischen Stränden, in alpenländischen Hütten oder auf dem Rücken der Pferde.

Was alle eint: Am Ende wird sich wieder geliebt und versonnen in die Ferne gestiert. Haben wir also nur die Wahl zwischen Professor Brinkmann und Graf Dracula? Ja und nein.

Denn um der Verwirrung ein Krönchen aufzusetzen, noch ein Zitat des Filmemachers Alain Resnais, der einst sagte: „Das Leben ist ein Film. Die Realität spielt sich im Kino ab.“ Das ist allerdings einige Jahrzehnte her. Hat sich seither etwas geändert? Wenn ja, was? Ist die Realität fiktionaler geworden oder die Fiktion realer? Und liegt irgendwo dazwischen auch noch so etwas wie Wahrheit?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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