Kolumne

Den Horizont erweitern

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Wer versucht, Wein oder Essen in der Sprache des Herkunftslandes zu bestellen, der lernt mehr als fremde Worte.

Bis vor ein paar Jahren gab es im Einkaufszentrum Gesundbrunnen Center einen Supermarkt, der alle Regalgänge zweisprachig ausschilderte, nämlich in Deutsch und Türkisch. Da ich dort fast täglich einkaufte, fühlte ich mich irgendwann für einen Türkeiurlaub ganz gut gewappnet. Ich hätte dort vielleicht nicht nach der Uhrzeit oder dem Weg zum Hotel fragen können, aber der Kauf von Käse, Tiefkühlprodukten und Waschmittel wäre drin gewesen.

Leider ist der neue Supermarkt, der nun ins Center eingezogen ist, monolingual. Vonseiten der türkeistämmigen Community gibt es auch keinen Bedarf mehr an extra Ausschilderung. Denn die zweite, dritte und jetzt auch schon vierte Generation spricht Deutsch. Mir wurde damit allerdings eine kleine Chance auf Weiterbildung genommen. Sprachen lernt man als erwachsener Mensch ja nicht mehr ganz so leicht.

Nach zahlreichen Italienurlauben habe ich es mal mit einer Sprachlern-App probiert. Deren Prinzip ist relativ simpel. Jeden Tag musste ich ein paar Minuten lang Multiple-Choice-Fragen beantworten und alltagsuntaugliche Sätze wie „Ich kaufe am Montag die grüne Tür“ übersetzen.

Wichtig war vor allem, dass ich ständig dranblieb. Wenn ich mal einen Tag schwänzte, wurde ich von einer niedlichen Comiceule dazu aufgefordert, die Übungen zu machen. Allerdings verliert jedes Comictier, das einen täglich wegen Faulheit ermahnt, sehr schnell an Niedlichkeit.

Mein Versuch war aber auch deshalb zum Scheitern verurteilt, weil mir die Anwendung im Alltag fehlte. Selbst wenn ich in Italien war, wollte ich dort keine grüne Tür kaufen. Ich schmiss also die garstige Comiceule von meinem Smartphone.

Zum Glück bietet Berlin Alternativen. Vielleicht nicht mehr in meinem Supermarkt, aber wenn man das Potenzial richtig nutzt, kann es jede Sprachlern-App ersetzen. Wer in Restaurants nicht die Nummer 23 bestellt, sondern versucht, den Namen des Gerichtes auszusprechen, bekommt in der Regel liebenswürdigen kostenlosen Nachhilfeunterricht in Thai, Vietnamesisch, Türkisch, Japanisch, Italienisch, Griechisch und vielen anderen Sprachen.

Wer es dagegen ein weniger strenger mag, geht zum französischen Weinladen. Da bekommt man so lange nichts, bis man es nicht hundertprozentig korrekt ausgesprochen hat. Darüber entscheidet immer ein Mann, der mit zusammengekniffenen Augen irgendwie an den alten Französischlehrer oder auch an die Comiceule erinnert.

Meine Freundin, die im Osten Russisch als erste Fremdsprache lernte, liebt den kanadischen Barbesitzer in meinem Kiez nicht nur, weil er so sexy aussieht, sondern weil sie mit ihm bei der Getränkebestellung Englisch üben kann. Unter anderem weil es hier mittlerweile viele kanadische Barbesitzer gibt, hat sich das Englischniveau in Berlin sehr verbessert. Ich war mit mehreren englischsprachigen Freunden als Übersetzerin auf Ämtern oder bei Ärzten dabei und meistens überflüssig. Sie wurden überall verstanden. Das war vor zehn, 15 Jahren noch nicht so.

Andererseits geben wir Deutsch-Muttersprachler aber auch viel zurück. Ich stand neulich im völlig überfüllten 100er Bus, dessen Fahrer so oft nur auf Deutsch „Den Türbereich freimachen!“ ins Mikro motzte, bis auch der allerletzte spanische Tourist im Türbereich gelernt hatte, was diese Worte bedeuten.

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