+
Die Schuld für Vieles wird auf "Brüssel" geschoben.

Gastbeitrag von Reinhard Marx

Hoffnung für Europa

  • schließen

Die EU muss Antworten auf die aktuellen Herausforderungen geben. Dafür sind klare politische Mechanismen vonnöten.

Der Brexit stellt fundamentale Anfragen an die EU. Er ist das Symptom einer tieferliegenden Krise. In den Mitgliedsstaaten ist eine Unzufriedenheit weit verbreitet, weil die EU die politischen Probleme unserer Zeit nicht zu lösen vermag, und die Suche nach einfachen Antworten in einer komplexen Welt größer wird. Die Schuld für Vieles wird auf „Brüssel“ geschoben. Das greift mindestens zu kurz, wenn nicht daneben. Denn in den letzten Jahren haben allen voran die Mitgliedstaaten unter Beweis gestellt, dass sie nicht oder nur sehr langsam in der Lage sind, zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Europäische Ergebnisse sind nicht an den Institutionen der EU, sondern an nationalen Egoismen gescheitert. So ist keine Union zu machen. Deshalb ist die zentrale Frage, wie wir mit der Uneinigkeit zwischen den Mitgliedstaaten umgehen. Die Erfahrung zeigt: Ein Appell zu mehr Geschlossenheit wird nicht ausreichen.

Quer durch alle Länder können wir derzeit einen Rückzug auf das Nationale beobachten. Dies gilt für populistische Bestrebungen in Osteuropa, wo in manchen Staaten eine „illiberale Demokratie“ gefordert wird, die auf einem verkrampften Begriff der Nation basiert, der wiederum auch mit der Religion verbunden wird. Dies gilt für populistische Bestrebungen in Westeuropa, wo rechte Parteien Schaukämpfe mit dem Islam führen und sich auf ein kulturalistisches Verständnis des Christentums berufen. Dies gilt für linkspopulistische Bestrebungen in Südeuropa, die einfache soziale Lösungen für wirtschaftliche Probleme anbieten. Eines haben die Bewegungen gemeinsam: Sie wenden sich gegen die Europäische Union. Oft geht es dabei gar nicht um die Zusammenarbeit von Staaten. Vielmehr verbindet man mit Europa auch eine Modernisierung der Gesellschaft, das Konzept einer offenen, freien und pluralen Zivilisation. Angesichts der komplexen Probleme suchen manche das Heil in der Rückkehr zu nationalen Lösungen, in einfachen Systemen geschlossener Gesellschaften, in ethnischer Kohärenz und einer eindeutigen religiösen Gemeinsamkeit.

Eine pluralistische, offene und demokratische Gesellschaft fordert den Menschen große Anstrengungen, Toleranz und mühsame Problemlösungen ab. Das ist komplex und anspruchsvoll, aber alle Alternativen werden letztlich die Freiheit gefährden und dann auch zerstören. Ein Zurück zu geschlossenen Gesellschaften ist weder möglich noch wünschenswert. Und ein Rückzug auf das Nationale, auf das Geschlossene ist auch keine christliche Option.

Deshalb darf Europa bei allen Herausforderungen nicht dabei stehen bleiben, um sich selbst zu kreisen. Die Europäer haben eine moralische Verantwortung für die Welt, für die ärmeren Länder, für die Bewahrung der Schöpfung und die Begrenzung des Klimawandels. Europa ist eben nicht nur ein Konzept der Selbstbehauptung. Jean Monnet hat gesagt, Europa soll „ein Beitrag zu einer besseren Welt“ sein. Die Rede von der Wertegemeinschaft bewährt sich gerade darin, welchen Beitrag sie dazu leistet, die Welt zu verbessern und zu einer Kultur verantworteter Freiheit weltweit zu ermutigen. Die EU muss Antworten auf die aktuellen politischen Herausforderungen geben, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Dazu bedarf es vor allem der Überwindung der nationalstaatlichen Gegensätze. Deshalb wird man klarere politische Mechanismen brauchen. Angesichts der komplexen politischen Fragen unserer Zeit, die gleichermaßen komplexe Antworten erfordern, kann die Lösung jedenfalls nicht weniger Europa sein.

Es ist wichtig, dass die Kirche einen Beitrag zum politischen Projekt der Versöhnung des Friedens und der Freiheit beisteuert. Das Gruppenbild des Papstes mit den europäischen Regierungschefs unter dem Jüngsten Gericht Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle war ein Zeichen der Hoffnung. Wäre also nicht doch das Wichtigste, was wir als Kirche in diese zum Teil verängstigte Gesellschaft einzubringen hätten, die Hoffnung?

Kardinal Reinhard Marx ist Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der EU (ComECE).

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare