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Nach dem Anschlag in Halle: Mehr Schutz für Synagogen gegen den Terror.

Rechtsterrorismus 

Wie der Anschlag in Halle den Zusammenhalt sogar gestärkt haben könnte 

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Seit dem Anschlag in Halle wird es immer dringlicher, sich über religiöse, ethnische und nationale Grenzen hinweg zu verständigen - gerade auch in Deutschland. Die Kolumne. 

Mich erinnerten sie an Mauerblümchen. Ein wenig unscheinbar, aber doch ein Lichtblick. Skurril war der Zirkel aus bibelfesten Christen, friedensbewegten Juden und wissbegierigen Moslems allemal, der sich monatlich in der Jerusalemer Prophetenstraße versammelte, um die religiösen Rituale der jeweils anderen näher kennenzulernen und gemeinsames zu entdecken.

Anschlag in Halle: Wir müssen uns mehr verständigen!

Stets zugegen war eine ältere Dame, die zu fortgeschrittener Stunde ihr Butterbrot auspackte. Auch ein Späthippie, der völlig wetterunabhängig in Jesuslatschen aufkreuzte, fehlte nie. Alle waren schrecklich nett zueinander. Irgendwann wurden mir, dem säkularen Zaungast, die Wallegewänder, die verschrobenen Außenseiter, die ganze Betulichkeit der Veranstaltung zu viel, und ich gab auf.

Halle und danach: Angriffe und Feindseligkeiten gegen Minderheiten

Seit Halle ist mir wieder bewusster geworden, wie dringlich es ist, sich über religiöse, ethnische und nationale Grenzen hinweg zu verständigen. Gerade auch in Deutschland, wo seit Jahren Angriffe und Feindseligkeiten gegen andersgläubige Minderheiten, Juden wie auch Moslems, rapide steigen, ohne dass die Mehrheitsgesellschaft groß Notiz genommen hätte. Wirklich aufgeschreckt hat sie, besser gesagt uns, erst der Anschlag auf die Synagoge von Halle, der eklatanten Spitze dieses Eisbergs, an dem die Mär vom Einzeltäter zerschellt.

Dabei ist der „White-Supremacy-Terror“ ein globales Phänomen. Vor einem Jahr schlug er in der Synagoge in Pittsburgh zu, im Frühjahr in den beiden Moscheen von Christchurch, nur Wochen später traf es jüdische Gotteshäuser in San Diego und Poway. Allesamt hatten die rechtsradikalen Täter ihre mörderischen Manifeste in finsteren Internetportalen wie „8chan“ oder „4chan“ gepostet, in denen auch ihr deutscher Nachahmer Stephan B. offenbar sein Leben verbrachte.

Geschehen in Halle stärkt den Zusammenhalt

Man mag bezweifeln, dass sich solche digitalen Jauchegruben für Hass trockenlegen lassen. Gegen Idiotie hilft kein Kraut, so wenig wie gegen hirnlose Verschwörungstheorien, wonach der weiße Mann infolge von Feminismus, sinkenden Geburtenraten und einwandernden Migranten verdrängt werde und hinter all dem die Juden steckten. Aber das Immunsystem der Gesellschaft wächst, je weniger sie sich à la AfD spalten lässt.

Das Entsetzen über das infame Geschehen in Halle hat den Zusammenhalt vielleicht gar gestärkt. Es gab wohl keine Synagoge in Deutschland, vor der nicht Blumen abgelegt oder Solidaritätskundgebungen gehalten wurde. Gut getan hat auch, dass vielerorts Vertreter muslimischer Verbände dazu aufriefen. In Frankfurt, wo ich gerade zu Besuch war, fehlten sie leider bei der Gedenkveranstaltung vor der alten Westend-Synagoge am letzten Sonntag. Vermutlich gibt es auch sonst nicht allzu viel Kontakt zwischen den Gemeinden.

Antisemitismus und Islamophobie die Stirn bieten

Wehmütig dachte ich zurück an den „Cousins Club“ in Orange County, bei dem ich vor Jahren, während meines Sabbaticals in Kalifornien, öfters zu Gast war. Der Name des Clubs spielt darauf an, dass Juden und Moslems eigentlich dank ihres gemeinsamen Stammesvaters Abraham ferne Vettern sind. Bei den Treffen der Cousins waren zudem Freunde jedweder Glaubensrichtung und auch solche ohne willkommen.

Es ging weniger um fromme Fragen als um Politik. Der Nahostkonflikt blieb zwar ungelöst, aber der „Cousins Club“ hielt durch, bis heute. Und natürlich gehört zu seinem Selbstverständnis auch, Antisemitismus und Islamophobie gleichermaßen die Stirn zu bieten. Hierzulande ist da Luft nach oben.

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