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Fastnachtsumzug in Frankfurt.

Kolumne

Ein Hoch auf den Frohsinn

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Wenn man versuchsweise eine Karnevalsrede hält, kann die sonst wohlgesonnene Familie plötzlich eisig schweigen. Aber ist das nicht ein gutes Zeichen?

Es ging auch dieses Jahr kein Weg an Karneval vorbei. Vor allem nicht für die frohe Kolumne, mit der ich mich Schritt für Schritt, Fröhlichkeit auf Fröhlichkeit, in zwölf Monaten zum positiven Menschen runderneuern will. Schließlich ist Karneval Frohsinn auf Befehl und Lachen auf Knopfdruck.

Witze sausen durch die Luft, deren Pointen man schon im Landeanflug erkennen, sich aber trotzdem nicht in Sicherheit bringen kann. Der Fernseher läuft, Rosenmontag läuft, Narrensitzungen auch. Büttenreden hallen durch den späten Winter, als sollte der Frühling erpresst werden.

Irgendwann tritt auch Annegret Kramp-Karrenbauer mit Toilettenwitzen auf, um zu beweisen, dass sie den Herrenhumor beherrscht. Anschließend geben Inlandsethnologen Interviews zur Frage, ob man im Karneval beleidigen darf oder beleidigen muss, während ich mir die Frage stelle, warum jemand Witze erzählt, der keine Witze erzählen kann.

Der Auftritt von Kramp-Karrenbauer sah für mich eher nach einem Besenstil aus, der versucht Tango zu tanzen oder Lambada, wenn sich noch jemand an Lambada erinnert. Hölzern im Vortrag, unsicher im Timing und getragen von den Mühen, eine gute Figur abzugeben.

Man sah die Medienberater links und rechts von ihr stehen und ihr zuflüstern: Sei locker! Das muss ganz natürlich rüberkommen! Als würdest du es jeden Tag machen! Und Kramp-Karrenbauer: Meint ihr, ich soll den Transgender-Toilettenwitz wirklich bringen? Darauf die Medienberater: Aber ja! Er schärft dein konservatives Profil, da lacht der Stammtisch, den hätte die Merkel nie gemacht, damit erreichst du das Rainer-Brüderle-Level und verabschiedest dich vom Image einer braven Ministerpräsidentin aus einem kleinen Bundesland. Hic Rhodus, hic salta (Zeig hier, beweise, was du kannst.).

Nun hätte sie sich auch mächtigere Ziele aussuchen können. Sie hätte etwa fragen können, was gescheiterte Parteirebellen tragen (einen Blackrock), was man sich so über Jens Spahn sagt (besiegt er den Krebs oder hält er ihn für ein Krustentier?) oder was Angela Merkel von Friedrich Merz hält (da lacht die Raute).

Auch für diese Witze hätte sie jenseits des Karnevals fünf Euro in die Kalauer-Kasse zahlen müssen, aber wenigstens wären sie nicht auf Kosten einer Minderheit gegangen, die sich auch sonst im Leben gegen eine große Mehrheit behaupten muss. Wahre Größe erkennt man eben doch an der Stärke der Feinde, die man sich zu machen bereit ist. Davon ausgehend wird Kramp-Karrenbauer als Kanzlerin nur Andorra die Stirn bieten können.

Am Ende kann man nur mit eigenen Produkten gegen andere Produkte anstinken, weshalb ich am Vorabend des Aschermittwochs meine Familie zusammentrommelte, allen eine Narrenkappe auf den Kopf setze und zum ersten Mal in meinem Leben eine Büttenrede hielt, von der ich hoffte, sie würde mich dem Frohsinn so nahe bringen wie noch nie.

Als Protestant war ich natürlich ungeübt und aufgeregt, aber die Familie ist in der Regel nachsichtig mit mir. Also begann ich: Die Frau Kramp-Karrenbauer, die wird immer schlauer / Bei der kannst du wetten, nur für Männer und Frauen Toiletten / passt du nicht ins Klischee, wählst du einfach SPD / findest du das nicht heiter, weiß ich auch nicht weiter. Als ich von meinem Manuskript aufsah, herrschte betretenes Schweigen im Zimmer. Die Kinder sahen auf den Boden, meine Frau aus dem Fenster. Ein Hauch von Scheidung lag in der Luft. Nächstes Jahr geht es nach Köln.

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