Kolumne

Himmlisches Postfach

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In Jerusalem treffen hundertfach Briefe an Gott ein. Auch für diese Werke gilt das Postgeheimnis - eigentlich.

In Jerusalem kommt man nicht umhin, sich mit Religionen und ihren bizarren Auswüchsen zu befassen. Auch wenn Leute wie ich die göttlichen Offenbarungen, die sich hier zugetragen haben sollen, eher auf Halluzinationen zurückführen. Aber egal, ob es sich um Abrahams Opfergang, die Auferstehung Jesu oder Mohammeds Himmelfahrt handelt – faszinierend sind diese Geschichten allemal.

Schon wegen ihrer anhaltenden Massenwirksamkeit. Dafür sprechen nicht zuletzt die sich stetig vermehrenden Pilgerbusse, die rund um die Jerusalemer Altstadt den Anwohnern einen Verkehrsinfarkt bescheren. Einen Jahresrekord von 4,6 Millionen Besuchern im „Heiligen Land“ hat Israels Tourismusminister zu Rosh-ha-Shana, dem jüdischen Neujahrsfest, verkündet. Die Gelegenheit zum „Ortsgespräch mit Gott“, wie Reiseveranstalter werben, dürfte viele schnurstracks ins Epizentrum der drei Weltreligionen ziehen.

Wachsender Beliebtheit erfreut sich ein weiteres Phänomen, nämlich Jerusalem als himmlische Postadresse zu nutzen. Alljährlich treffen hundertfach ordentlich frankierte Briefe aus aller Welt, adressiert an Gott (sic!), ein. Der auf gewissenhafte Auslieferung bedachte Jerusalemer Postdirektor händigt sie vor den großen Feiertagen dem für die Klagemauer zuständigen Rabbiner aus, um sie in die Steinfugen des höchsten jüdischen Heiligtums stecken zu lassen. Die Entleerung erfolgt jeweils zu Passah und Rosh-ha-Shana, wenn die Briefe samt der Bittzettel, die nicht nur Strenggläubige alltäglich in die Mauerspalten stopfen, rausgeklaubt und auf dem Ölberg beerdigt werden.

Werden sie wenigsten vorher gelesen? Auch was an Gott geschrieben werde, falle unter das Briefgeheimnis, versichert der Rabbi. Ein paar Ausnahmen werden dann doch publik gemacht. Wie etwa der an den Allmächtigen gerichtete Vorschlag, mit „deinem liebenden Sohn“ eine Partnerschaft bei der italienischen Lotterie einzugehen. Vom Hauptgewinn gehe neunzig Prozent „an dich“, den Rest, gelobte der Absender, werde er zur Hälfte den Armen spenden. Dieses Erbarme-dich-Herr, es wird nicht allein zu meinem Nutzen sein, erinnert ein wenig an die Satiren von „Don Camillo und Peppone“, über die einst auch das deutsche Fernsehvolk schmunzelte.

Meist geht es den Briefschreibern um Beistand in allzu menschlichen Lebenslagen, offenbar darauf vertrauend, dass ihr Hilferuf, wenn nicht direkt beim Empfänger, dann wenigsten in seinem Jerusalemer „Postfach“ landet. Alternativ können sie übrigens ihre frommen Wünsche an den Schöpfer des Universums auch per Twitter absetzen. Israel hat dafür eigens den Hashtag „tweet your prayer“ eingerichtet, lange bevor ein Donald Trump das digitale Gezwitscher für sich entdeckte. Das mag alles andere als rational sein. Aber es scheint als Ventil für die Sehnsucht nach höheren rettenden Mächten zu funktionieren.

Möge mir nur der Himmel eine Eingebung schenken, wie ich diese Kolumne beende! Vielleicht mit dem Brief eines Mädchens, der zwar nicht in Jerusalem landete, aber in einem Büchlein „Children’s Letters to God“. „Lieber Gott“, schrieb darin Harriet Anne, „gibt es dich wirklich? Manche Leute glauben das nicht. Wenn ja, solltest du besser schnell was tun.“ Ansonsten empfehle ich, sich lieber an den guten alten Bertold Brecht zu halten. „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“, hat der mal gesagt und sicher nicht gemeint, die Hände in den Schoß zu legen.

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