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Chemtrails oder doch einfach nur Kondensstreifen?

AfD und Chemtrails

Am Himmel ist die Hölle los

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Total logisch: Wie die Amerikaner uns alle mit ihren angeblichen Kondensstreifen eiskalt umbringen wollen. Die Kolumne.

Zahlreich durchzucken sie den stahlblauen Nachmittagshimmel, ziehen kreuz und quer, dem Schweif eines Wildpferdes gleich, gen Horizont, wolkenweiß oder durch die untergehende Sonne eingefärbt in ein blasses Orange: Fachleute sprechen von Kondensstreifen. Andere hingegen meinen, es mit Chemtrails zu tun zu haben, mit Sprühspuren chemischer Substanzen, die die US Air Force zur Wettermanipulation und Bevölkerungsreduktion einsetze.

"Ich verstehe nicht, dass die Regierungen das zulassen, sie werden doch genauso vergiftet. Oder haben die etwa einen Impfstoff, der die oberen 10 000 schützt?", postet Ute M. desillusioniert unter den Artikel "Mörder über den Wolken", der - inspiriert vom amerikanischen Bestsellerautor und Impfgegner Horowitz - referiert: "Sie sind krank (...) und haben nicht genug Energie. Das ist keine Grippe. Das ist eine Verschwörung gemäß Dr. Leonard Horowitz. Seine Meinung basiert nicht auf Verschwörungstheorien, sondern auf Verschwörungsfakten", schreibt Wolfgang Arnold im "Goldseitenblog" und spricht damit seinen Lesern direkt aus den Tiefen ihrer Seele. "Wissende Personen" würden vehement bedroht, und zwar von "ignoranten Politikern, Journalisten und Piloten", die "eines Tages für das Chemtrail-Verbrechen" ("unendlich größer" als Auschwitz) zur Rechenschaft gezogen würden.

Leute wie Arnold bedienen tatsächlich eine Szene, die vor kaum zwei Jahren jeden Montag die Innenstädte belagerte, um unter dem Mahnwachen-Label gegen einen vermeintlich bevorstehenden Weltgenozid durch US-amerikanische Chemtrails zu Felde zu ziehen: Eine Querfront jenseits des Rechts-Links-Schemas wollte eine politische Gegenöffentlichkeit herstellen, der sich neben Friedensaktivisten ebenso Neonazis anschlossen. Wohl auch aus diesem Grund reduzierte sich der Spuk bald auf seine natürliche Größe, der nachfolgende hat weniger Berührungsängste mit den extremen Rechten: Die Pegida, bis auf weiteres ebenfalls montags innerstädtisch präsent, bietet einigen Ex-Mahnwächtern eine neue Heimat, wie beispielsweise Jürgen Elsässer. Der musste in seiner Feindbildkonstruktion nur die rassistische Komponente verstärken.

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 Umgekehrt haben Teile der deutschnationalen AfD, gerne auch als der "parlamentarische Arm" von Pegida bezeichnet, das Verschwörungsspektakel am Himmel für sich entdeckt. So plant Willy Chevalier, "Delegierter zum Bundesparteitag", ein Chemtrail-Verbot in das AfD-Programm aufzunehmen, für das er 49 Unterschriften benötigt. Seine Kampagne postete er auf Chemtrail Global Skywatch - einer Facebook-Gruppe mit 65 000 Mitgliedern - und reicherte sie mit Aufnahmen von Angela Merkel an, die Behälter begutachtet, deren Inhalt der Menschheit den Garaus und eine kleine Elite zu Weltherrschern macht. Eventuell sind es auch nur Ballasttanks; jedenfalls findet sein Engagement geteiltes Echo. Mit 15 Likes hat Chevalier sein Ziel verfehlt, die Kommentare schwanken zwischen Hohn ("Läuft bei denen, Knallköpfe - oder Aprilscherz?") und Durchhalteparolen ("Leute, ..., bitte meldet euch bei Willy" - 6 Likes).

 Der Mann sollte Xavier Naidoo um Unterstützung bitten. Der ist laut einer Studie besonders beliebt bei AfD-Wählern und empfänglich für solcherlei Späße. Kürzlich hatte er die Erde als Scheibe mit dem Lineal bemessen und weiß nicht erst seit gestern, was der Welt an Bösem schwant: "Auch Frankfurt ist Babylon."

Katja Thorwarth ist Redakteurin und Autorin in  der digitalen Redaktion der FR.

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