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Stillen ist bei Müttern ein viel diskutiertes Thema. (Symbolbild)

Kolumne

Hilfe, mein Baby grunzt

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Was, wenn zum Beispiel "Babypups11" nicht weiterweiß? Lieber den Beratungsroboter fragen. Aber was kann der?

Die größte Mütterberatungsstelle hat immer auf, auch morgens um drei Uhr, es gibt keine Warteschlange, man braucht keinen Termin. Es gibt auf alles eine Antwort, in Sekundenschnelle. Die größte Mütterberatungsstelle heißt Google.

Sobald das Kind ein Problem hat, wenden sich Mütter (und einige Väter) ans Internet. Man tippt etwas ein, zum Beispiel „Hilfe, mein Baby grunzt“, und bekommt sofort achtzehntausend Treffer. Es gibt nützliche Seiten, etwa von Kinderärzten, und es gibt Mütterforen. Dort schreiben Frauen, die sich Schnecke85 nennen oder Babypups11 oder Schnubidu. Ihre Kinder heißen Maus, Zwerg oder auch Mausi.

Diese Frauen haben einen Hang zu Abkürzungen. Eine Hebamme heißt Hebi, KiÄ ist die Kinderärztin. Lillicat85 schreibt: „Mein Zwerg, 4 Wochen, ist ständig am grunzen und knurren. Es ist so laut, dass wir kaum schlafen können. Sie schreit abends ein bis zwei Stunden, bevor sie einschläft. Danach könnten wir schlafen, aber dann geht das Gegrunze los. Wer weiß Rat?“ Rat weiß Babypups11, wenn vielleicht auch nicht den gewünschten. „Es gibt Mütter, die froh wären, wenn ihr Baby so laut grunzt. Immer dieses Gejammer wegen Lächerlichkeiten. Genieß doch dein Kind.“

Ein vieldiskutiertes Thema ist das Stillen. „Hilfe, ich möchte abstillen und schaffe es nicht“, schreibt Schockimaus. Ihre Tochter, zwei Jahre, schreit und zetert, wenn sie nicht an die Brust darf. „Stillen ist sehr gut, mach bitte weiter“, lautet eine Antwort. Deutschland, eine Still-Diktatur.

Schnubidu geht’s noch schlechter. Ihr Sohn ist erst sechs Monate alt, aber sie wiegt nur noch 60 Kilo bei 1,80 Meter, wie sie schreibt. Sie will ihm nicht mehr die Brust geben, „aber mein Sohn verweigert alles, jeden Sauger, jede Flasche, auch Brei. Ich habe Angst, dass er einen Knacks bekommt, wenn ich ihm nicht mehr die Brust gebe.“ Und wie lautet die Antwort? Bekommt die Frau Unterstützung, Hilfe, Mitgefühl? „Hammer, ich wäre froh, wenn ich so viel durchs Stillen abgenommen hätte“, schreibt eine Teilnehmerin. Eine andere: „Mein Sohn ist vier Jahre alt und ich stille ihn immer noch. Ich weiß heute, dass mein Weg der einzig richtige ist.“ Puh.

Der englische Gesundheitsdienst NHS hat herausgefunden, dass die meisten Suchanfragen zu Stillproblemen zwischen zwei und sechs Uhr morgens gestellt werden. Das ist die Zeit, in der man stundenlang wach liegt, weil das Baby nicht schläft, nicht trinkt oder zu viel trinkt. Die Hebamme hat ihr Handy aus. Aber man kann den „Start4Life Breastfeeding Friend“ konsultieren, so heißt der Chatbot, den der NHS programmiert hat.

Allerdings sind die Fähigkeiten des Roboters begrenzt. Als ich ihn kürzlich ausprobierte, kam die Antwort: „Leider funktioniert die Seite nicht.“ Eine englische Kollegin hatte mehr Glück: „Wie oft soll ich mein Baby anlegen?“, fragte sie. Der Chatbot antwortete sehr höflich: „Sorry, Rachel, das habe ich leider nicht verstanden. Ich verstehe lange Sätze nicht sehr gut, am besten funktioniere ich mit kurzen Stichworten wie ‚Baby nicht genug Milch‘.“

Um die richtige Frage zu stellen, muss man ziemlich genau verstehen, was los ist. Oder darüber nachdenken, was das treffende Schlüsselwort sein könnte. Das funktioniert nachts um halb drei nur begrenzt. Und wenn man verstehen würde, was los ist, würde man sich wohl nicht an den Roboter wenden.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

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