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Herzbewegend defekt

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Zum Tod eines ganz Großen: Die Feuilletons würdigen Bruno Ganz.

Dass Bruno Ganz sich nun „im Himmel über Berlin“ befinde – der Hinweis auf Ganz’ Galaauftritt in dem Film von Wim Wenders durfte am Wochenende nicht fehlen, weder bei den ersten, kurzen Würdigungen noch bei den trauernden Prominenten auf der Berlinale, die gerade erst am Tag der Abschlussgala vom Tod des 77-Jährigen erfahren hatten. Die großen Nachrufe folgten dann in den Montagausgaben der Zeitungen, und die Verehrung kennt so gut wie keine Grenzen.

„Natürlich ist der Himmel über Berlin viel zu klein für einen so Großen wie ihn“, schreibt Christine Dössel in der „Süddeutschen Zeitung“. „Dort wird er wieder mit Otto Sander zusammentreffen, diesem anderen sanften Wenders-Engel und Kollegen aus alten Berliner Schaubühnentagen, der ihm schon 2013 vorangegangen ist. Tröstlich die Vorstellung, wie diese beiden begnadeten Seelenversteher auf uns herabblicken.“

Die „Sprechkunst“ des Bruno Ganz würdigt Dössel so: „Er konnte Texte wie ein Wortmusiker zum Klingen bringen, war ein brillanter Kleist- und Hölderlin-Interpret. Konnte dann aber auch wieder schneidend-schnarrend sein wie bei seinem zittrigen Hitler in ,Der Untergang‘“ – übrigens eine der wenigen umstrittenen Rollen des Schweizers, was allerdings mit der Qualität der schauspielerischen Leistung weniger zu tun hatte als mit der Interpretation des historischen Stoffs.

In der „FAZ“ fasst Gerhard Stadelmaier die Mischung aus Widerständigkeit und Grandezza, die Ganz auszeichnete, mit der schönen Formulierung vom „Aufrührer mit Einstecktuch“ zusammen. „Bruno Ganz“, fügt Stadelmaier hinzu, „war in allem, was er darstellend unnachahmlich vergegenwärtigte und also der Gegenwart als etwas ihr Fremdes, Widerständiges entgegenhielt, ein großer Vergolder.“

In der „Neuen Zürcher Zeitung“ schreibt der Schriftsteller Adolf Muschg: „Dieser Ganz war kein Ganzer, darum blieb die Phantasie, das Ganze lasse sich, ausreichend gesucht, auch finden – der Traum seines ,Faust‘ -, so herzbewegend defekt. Hier war einer, der den Mangel an Wirklichkeit in seinen Rollen mitzuspielen verstand, nicht als Effekt heimlichen Besserwissens, sondern auf intelligente Art ratlos.“

In der „Berliner Zeitung“ führt Harry Nutt, den Leserinnen und Lesern auch dieser Zeitung gut bekannt, dieses Motiv aus: „Das Film- und Theaterpublikum liebte Bruno Ganz gleichermaßen für die verstörenden, oft leicht gestörten Charaktere, denen man bei der Aneignung einer neuen, etwas anderen Geschichte zusehen konnte“, schreibt Nutt und fügt, bezogen auf den vom „Deutschen Herbst“ inspirierten Film „Messer im Kopf“ (1978) hinzu:. „Bruno Ganz wird dabei als verletzter und verletzlicher Außenseiter zu einer Identifikationsfigur, durch die sich ein ganz neuer Blick auf die politische Konfliktphase gewinnen ließ.“ An dieser Fähigkeit hat sich bis zum Ende nichts geändert.

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