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KOLUMNE

Das Herz einer Frau

  • Petra Kohse
    VonPetra Kohse
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Und wenn es in einem Körper sitzt, der als Junge geboren wurde? Dann muss die Sprache sich neue Wege suchen.

Ach“, wischte die Thaimasseurin die Irritation beiseite, die das Erscheinen eines männlichen Mitarbeiters bei den Damen auslöste, die zur Behandlung gekommen waren. „Sie ist ein Ladyboy, sie hat ein Herz wie unseres.“ Dazu nickte der/die Hinzugekommene und verbeugte sich freundlich. Später las ich nach, dass es in Thailand eine lange Tradition gibt, Transgender anzuerkennen und zu benennen (Kathoey). Was bislang nicht zu einer Gleichstellung geführt hat. Aber die Selbstverständlichkeit der Wendung „ein Herz wie unseres“ war von geradezu beispielhaft performativer Kraft.

Umgehend fühlte ich mich nicht nur mit der so Bezeichneten solidarisch, sondern auch mit der Masseurin, meiner Freundin und den Frauen insgesamt. Die Behauptung eines gemeinsamen weiblichen Herzens, an dem man ungeachtet von Herkünften oder Äußerlichkeiten Schlag für Schlag Teil hat – wer würde die schon widerlegen wollen! Vielleicht jemand, der eine sozialistische Erziehung genossen und die Untiefen des Solidarischen durchlitten hat. Aber das ist bei mir nicht der Fall, ich war sofort und für die Dauer der Behandlung ganz unbedingt dafür.

Später allerdings, als der Muskelkater schon einsetzte und ich über die im Deutschen zunehmend gegenderte Alltagssprache nachdachte, in der das solidarische Herz eine deutlich geringere Rolle spielt als die Rücksicht auf den Einzelfall, bekam ich Zweifel. War es nicht doch übergriffig von der Masseurin, die als Junge geborene Mitarbeiterin so umstandslos in eine imaginäre Frauenwelt einzugemeinden? Hatte Bernadette La Hengst, Musikerin, Theaterregisseurin und Feministin, bei der Vorstellung ihrer neuen Platte am Sonntagabend im Roten Salon der Volksbühne den Punkt vielleicht besser getroffen, als sie grüßte: „Liebe Freundinnen, liebe Freunde und alle dazwischen“?

Aber ist andererseits „dazwischen“, eine Beschreibung ex negativo, den Eckpfeilern nicht ebenso verhaftet? Gut, man deutet an, dass Mann oder Frau nicht alles ist, was sich unterscheiden lässt, aber wie lässt sich denn etwas ohne nähere Bezeichnung unterscheiden? Gleichzeitig wäre jede Bezeichnung wiederum eine ausschließende Festlegung…

Journalistisch bin ich – ausgebildet in der „taz“ – mit dem Binnen-I aufgewachsen (MasseurInnen). Das hat inzwischen ausgedient, weil es nur Männer und Frauen anspreche, während der Gendergap (Masseur_innen) oder das Sternchen (Masseur*innen), auch alle „dazwischen“ umfassen. Tun sie das wirklich? Staatliche Stellen tendieren sicherheitshalber zu geschlechtsneutralen Umschreibungen (Massierende).

Vom RedakteurInnenstatus bin ich vor einigen Jahren in die Stellung eines wissenschaftlichen „Sekretärs“ geraten. Ohne viel Zögern habe ich die männliche Form der weiblichen „Sekretärin“ vorgezogen. Geschlechtsaneignung aus sozialen Gründen, eine Hosenrolle wenn man so will. Hat das Binnen-I diese Entscheidung mit vorbereitet? Verhindert hat es sie zumindest nicht. Aber ich werde die Amtsbezeichnung jetzt korrigieren. Der beherzte Zugriff der Masseurin hat auch hier letztlich entspannt: Vielleicht gilt es wirklich, nicht das Andere zu betonen, sondern das Gemeinsame, um das Große, Ganze zu verändern. Denn nicht die Begriffe selbst sind ja zu eng und zu fest. Sondern der Begriff, den wir uns von ihnen machen.

Petra Kohse ist Autorin.

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