Kolumne

Herrlich den Anschluss verlieren

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Der Zwang zur Optimierung droht uns zu einem Haufen perfekter Langweiler zu machen. Wer das Leben liebt, setzt stattdessen auf konsequente Pessimierung.

Vor nicht allzu langer Zeit fuhr ich mit der Deutschen Bahn. Mein Zug hatte Verspätung. Als ich umsteigen wollte, war der andere Zug schon weggefahren. Ich hatte den Anschluss verloren, was an sich kein großes Thema ist, aber im großen Lebenszusammenhang eine Katastrophe. Deutschland zum Beispiel scheint dauernd den Anschluss zu verlieren: an die Digitalisierung, an die E-Mobilität, an die Bildung und Forschung, an das Vertrauen in Aktien für die Altersversorgung. Überall fährt der Zug ab und wir stehen an der Bahnsteigkante und winken ihm hinterher, während er davonrast Richtung Zukunft.

Das einzige Mittel gegen den Verlust des Anschlusses ist die Optimierung. Sie sorgt dafür, dass wir unsere Möglichkeiten perfekt ausnutzen und das letzte Quäntchen Energie freisetzen. So halten wir nicht nur den Anschluss, sondern können uns möglicherweise sogar an die Spitze setzen: Kein Viehtransporter auf dem Abstellgleis mehr, sondern eine Lokomotive, die den Zug zieht, auch wenn sie nicht weiß, wohin.

Die Idee der Optimierung ist so wirkmächtig, hat unser ganzes Leben so ungefragt durchdrungen, dass es scheinbar keine Alternative gibt. Man kann sogar vom Zeitalter der Optimierung reden, das uns nicht eher ruhen lässt, bis wir nicht besser sind als gerade eben noch, also nie. Ein Anzeichen für die Macht der Optimierung ist die Tatsache, dass ihr Gegensatz kaum bekannt ist und nicht den Weg in unseren Sprachgebrauch gefunden hat, womöglich auch nicht finden kann. Er heißt: die Pessimierung. Wie Optimierung von optimum kommt, was erstens lateinisch ist und zweitens der Superlativ von bonus, stammt Pessimierung von pessimum ab, Superlativ von malus, schlecht. Die Optimierung legt es darauf an, das Beste noch besser zu machen, während es die Pessimierung darauf abgesehen hat, das Schlechte so schlecht zu machen, dass es nicht mehr schlechter geht. Nun kann man einwenden: na und? Was soll die Pessimierung bringen? Ist die Welt nicht schon schlecht genug?

Mag sein. Aber was wird, wenn wir alle optimal sind? Supergesund mit Superaktien im Pensionsfonds? Mit Eins-Nuller-Abitur durch die Bank? Volldigitalisiert? In der Garage einen Tesla, den wir uns leisten können, weil wir alle, aber wirklich alle, den Beruf der Zukunft ergriffen haben und Informatiker geworden sind – wiederum der einzige Beruf, der zum Ziel hat, sich selbst abzuschaffen? Wenn wir uns in unseren 5.0-Häusern langweilen wie Ratten in der Falle (schnapp!), weil die Maschinen jeden Handgriff übernommen haben (schnapp!) und uns schon morgens sagen, was wir abends tun werden (schnapp!) und wie viel Kalorien wir dabei verbrauchen dürfen (schnapp!-schnapp!)? Wenn unsere einzige Aufgabe ist, noch optimalere Langweiler und Nichtstuer zu werden als wir eh schon sind?

Darum froh ans Werk und Spaß ins Leben bringen! Einmal nicht der Erste sein, sondern konsequent auf Pessimierung setzen. Sich unliken, downgraden und mit nur einem Bewertungsstern durch das Leben gehen. Bei Mensch-ärgere-dich-nicht lachend verlieren und in die 2. Liga absteigen, wo man herrlich den Anschluss verliert. Stattdessen im Cafe sitzen, ein Buch lesen, dem Zug hinterher sehen und ein glücklicher Mensch sein. Den Trend nicht anderen Menschen vorenthalten, sondern gleich ein Buch schreiben („Glücklich durch Pessimierung – In zehn Schritten zum Loser“) und damit zum Schlechtseller werden, was sofort auf facebook gepostet werden kann: endlich habe ich es gefunden! Das optimale Leben. Besser geht es nicht.

Volker Heise ist Filmemacher.

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