Herrenabende

Warum Männerbünde keine staatliche Förderung bekommen sollten

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Jeder sollte sich mit jedem treffen dürfen. Staatliche Förderung sollte aber dem Prinzip der Egalität folgen. Aber was ist mit rechten Gruppen?

Zu Beginn der Nuller-Jahre war ich in Frankfurt am Main einige Male Teilnehmer eines sogenannten Herrenabends. Gastgeber war der damalige Eigentümer des Aufbau-Verlags, Bernd Lunkewitz, der zu exquisitem Abendessen und edlen Rotweinen Vertreter der lokalen Stadtgesellschaft aus Kultur, Wirtschaft und Politik in seine Villa eingeladen hatte. Wer mochte, durfte zur Zigarre greifen.

Es wurde über kulturelle Fragen der Stadt, aber auch über die politische Großwetterlage gesprochen. Schließlich war der deutsche Außenminister zu dieser Zeit ein Frankfurter, der gelegentlich auch unter den Gästen im Hause Lunkewitz weilte. Einige der Teilnehmer kannten sich seit vielen Jahren, andere begegneten hier einander zum ersten Mal.

Der Begriff Herrenabend ist in diesem Kreis mit einem gewissen Augenzwinkern aufgefasst worden. Bei manchem der verhandelten Themen wäre mir wohler gewesen, wenn meine Feuilleton-Kollegin Ina Hartwig, heute Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, an meiner Stelle gewesen wäre.

Der demonstrative Ausschluss von Frauen, der bei diesen Abenden tatsächlich eingehalten wurde, förderte weder intellektuelle Höhenflüge noch eine besondere Geselligkeit zu Tage. Ich weiß bis heute nicht, wie es sich hätte anfühlen sollen, unter sich zu sein. Vielmehr hat die Runde bedeutender Männer ein Gefühl angespannter Fremdheit erzeugt.

An den Herrenabend musste ich wieder denken, als kürzlich über die Initiative von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) diskutiert wurde, Vereinen den steuerlichen Vorteil der Gemeinnützigkeit zu nehmen, wenn sie sich bei der Aufnahme von Mitgliedern dem Gleichheitsgrundsatz entziehen.

In einer Mischung aus Desinteresse und Bedauern wurden sogleich Beispiele diskutiert. Noch mehr Kulturverluste. Männerchöre, Rudervereine, türkische Kulturversammlungen. Es existieren erstaunlich viele gleichgeschlechtliche Gemeinschaften, die aus unterschiedlichen Traditionen und Motiven hervorgegangen sind und über das Vereinsrecht besondere Vorteile genießen.

Ich bin der Ansicht, dass jeder sich mit jedem überall zu gesellschaftlichen Aktivitäten treffen dürfen sollte, wenn diese sich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegen. Staatliche Förderung indes sollte dem Egalitätsprinzip folgen. Kein Einwand also gegen Olaf Scholz’ Vorstoß, dem Gleichheitsgrundsatz zu größerer Geltung zu verhelfen.

Es ist ziemlich genau 40 Jahre her, dass der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit in seinem Buch „Männerphantasien“ Gewaltverhältnisse untersucht hat, die aus männerbündischen Gruppierungen hervorgehen. Theweleit seziert laut Wikipedia das „faschistische Bewusstsein und die soldatische Prägung des Ich“.

Das Buch scheint aktueller denn je. Mitglieder rechter Gruppen sehen sich ökonomisch oder sozial bedroht, und versuchen den so entstanden „Fragmentkörper“ wiederherzustellen. Gleichheit, so Theweleit in einem aktuellen Interview, werde nicht ausgehalten, und ein signifikantes Merkmal der neuen Rechten bestehe in der Abwehr alles Demokratischen.

Die Herrenabende, so denke ich mir, waren ein kokettes Spiel mit diesem Abwehrverhalten. Es ist an der Zeit, sich solcher sozialen Praktiken bewusst zu werden.

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