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Ein Held der Menschenrechte

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Wolfgang Kaleck kämpft gegen Machtmissbrauch.

Witz hat er auch. Seinem Buch hat Wolfgang Kaleck den Satz des Scharfrichters Völpel in Thomas Braschs „Engel aus Eisen“ vorangestellt: „Lieber Gott, erspare mir, in einer uninteressanten Zeit zu leben.“ Der Wunsch hat sich – soweit sich eine Welt, in der staatlicher Mord, Folter, der Bruch jeglichen Völkerrechts als Normalität betrachtet wird, als interessant beschreiben lässt – für Kaleck erfüllt. Der traurige Witz besteht darin, dass die Welt schon immer auf diese Weise interessant gewesen ist und es bleiben wird – auch wenn Kaleck nichts unversucht lässt, das zu ändern. Es wäre eine Untertreibung zu sagen, er sei Menschenrechtsanwalt von Beruf. Sein Einsatz für die Menschenrechte als Anwalt, Publizist und Vortragsredner ist so umfassend und selbstausbeutend, dass von Beruf kaum gesprochen werden kann: Er ist sein Leben.

Einer wie Kaleck schreibt keine Biografie, nicht nur, weil er mit 55 Jahren ein wenig zu jung dafür ist, sondern weil sein Lebenslauf, den er darin nachzeichnen müsste, bestimmt wird vom Leben der anderen, für deren (Rechts-)Schutz er eintritt. Also hat er jetzt ein Buch mit dem programmatischen Titel „Mit Recht gegen die Macht“ vorgelegt, in dem er zwar sehr persönlich von seiner Arbeit erzählt, aber immer steht er hinter den Menschen, für die er sich einsetzt, hinter den Fällen, von denen er berichtet, zurück.

Der Fall, der ihn deutschlandweit bekanntgemacht hat, war sein Mandat für den ins russische Exil verschlagenen US-Whistleblower Edward Snowden, aber für diese Art der Prominenz hat sich der Fachanwalt für Strafrecht nie interessiert. Was ihn interessiert, ist sein Projekt: „Wir wollen dazu beitragen, weltweit Menschenrechte mit juristischen Instrumenten zu schützen und durchzusetzen.“

Also hat er vor acht Jahren mit Freunden und Anwälten das European Center for Constitutional and Human Rights gegründet, das er leitet, hat er sich an die Seite der Mütter der Plaza de Mayo gestellt, die die Aufklärung der unter der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 begangenen Verbrechen verlangen, beklagte er nach einer Reise durch das vom Bürgerkrieg verwüstete Liberia im Bericht für die Liga für Menschenrechte die „Ausbeutung und Repression“ im Land, zeigte im Namen irakischer Guantanamo-Gefangener beim Generalbundesanwalt im Jahr 2006 den damaligen US-Außenminister Donald Rumsfeld wegen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen an, stets begleitet vom Bewusstsein, dass eine Niederlage wahrscheinlicher ist als ein kleiner Erfolg.

Arm das Land, das Helden braucht, hat Bertolt Brecht geschrieben, aber unbewohnbar eine Welt, in der es keine Menschen wie Kaleck gibt.

Wolfgang Kaleck , Mit Recht gegen die Macht, Hanser Berlin, 19,90 ?

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