Kolumne

Heißer Winter

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Was man halt so macht, wenn es draußen kalt ist. Man geht in die Sauna, erkältet sich trotzdem und lernt historische Duschen kennen.

Januare in Berlin sind langweilig. Was soll man da unternehmen? Nachdem man alle interessanten Ausstellungen abgeklappert hat, kann man fast nur noch zu Hause bleiben, Wein trinken und beten, dass der Winter schnell zu Ende geht. Klar, man würde auch gerne endlich mal wieder ins Theater gehen, aber wer von uns hat schon daran gedacht, rechtzeitig günstige Tickets zu besorgen?

Eines der wenigen Winterhighlights sind meiner Meinung nach Berlins Saunas. Die haben zwar auch im Sommer geöffnet, aber ein richtiger Saunagang ist es nur, wenn man sich bei zwei Grad Außentemperatur draußen kalt abduscht, da bin ich eisern.

Offiziell gehe ich wöchentlich in die Sauna, weil ich mein Immunsystem stärken möchte. Inoffiziell gehe ich wöchentlich in die Sauna, weil ich auch vergessen habe, rechtzeitig günstige Theatertickets zu besorgen, und weil ich außerdem so den ganzen Nachmittag rumliegen kann und trotzdem abends das Gefühl habe, aktiv gewesen zu sein.

Nach meinem letzten Saunabesuch bin ich krank geworden. Ausgerechnet nachdem ich jedem Menschen in meinem Umfeld ausführlich erklärt habe, wie wahnsinnig gesundheitsfördernd Saunieren sei und dass ich deshalb seit über einem Jahr keine Erkältung mehr hatte. Naja.

Aber es gibt zum Glück noch einen zweiten Aspekt, den ich an Saunas außerordentlich gesund finde: Endlich sieht man mal wieder Durchschnittskörper. In Zeiten, in denen nicht mal private Urlaubsfotos unretuschiert ins Internet gestellt werden, tut dem eigenen Körperbild jeder nicht gephotoshopte Nackedei gut.

Menschen haben Körperbehaarung, Krampfadern, Dehnungsstreifen, Fettrollen, Cellulitis oder Narben. Das sehen wir aber auf Bildern nie und wenn doch, dann gelten sie als provokant oder, schlimmer noch, als Kunst.

Im schmeichelhaften Saunalicht schauen wir übrigens trotzdem fast alle ganz gut aus, mehr Entspannung geht doch gar nicht. Ich habe keine Stammsauna, sondern probiere gerne je nach Lust und Laune verschiedene aus. Es gibt kleine, gemütliche Kiezsaunas mit einem Aufguss pro Stunde und größere Anlagen mit einem mich regelrecht in Stress versetzenden Angebot an Programmpunkten.

Diesen Winter habe ich nun zum ersten Mal eine Sauna in einem Schwimmbad der Berliner Bäderbetriebe ausprobiert. Was soll ich sagen? Das war genau so, wie man sich Wellness von einer Berliner Anstalt des öffentlichen Rechts vorstellt. Der Whirlpool war kaputt, die Saunas selbst waren winzig, die Aufgüsse erfolgten vom sonst unsichtbaren Personal in scheinbar willkürlichen Zeitabständen, ein Ruheraum war nicht zu finden, stattdessen standen Plastikstühle rum und die Gastronomie war geschlossen.

Dafür war es aber wenigstens teuer. Für nur wenige Euro mehr bekommt man in den großen privat geführten Saunaanlagen Aufgüsse mit Peelings, Klangschalenmeditation, jonglierende Wasserballettgruppen und Duschen, die nach 1985 modernisiert worden sind.

Ich fand deshalb auch erst in einer anderen Sauna die Ruhe und Entspannung, darüber nachzudenken, dass sich Privatisierungen in Berlin eigentlich immer nachteilig für die Verbraucher ausgewirkt haben. Man denke nur an die Wasserbetriebe. Die Grundversorgung sollte in öffentlicher Hand liegen. Aber im Saunawesen, da würde ich eine Ausnahme machen.

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