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Muslime beim Nachmittagsgebet  in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg.
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Muslime beim Nachmittagsgebet in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg.

Muslime in Deutschland

Die Heimat der Muslime

Es gibt in diesem Land eine Vielzahl demokratischer islamischer Initiativen und Organisationen. Es wäre für sie an der Zeit, sich zu einer gemeinsamen Plattform zusammenzuschließen. Der Leitartikel.

Von Timur Tinç

Muslime sind ein Teil von Deutschland. Daran ändert sich auch nichts, wenn darüber diskutiert wird, ob der Islam zu Deutschland gehört. Letztlich gehören alle hier lebenden Menschen, gleich welchen Glaubens und welcher Weltanschauung, zu diesem Land. Einem Land, in dem die überwiegende Mehrheit der Muslime sehr gerne lebt.

Diese Muslime lehnen es ab, wenn Extremisten ihre Religion kidnappen und meinen, im Namen Gottes oder des Propheten Mohammed andere Menschen umbringen zu müssen. Sie fühlen sich verletzt, wenn Karikaturen Mohammeds gezeigt werden oder undifferenziert über sie berichtet wird. Sie sind wütend und haben Angst angesichts des Hasses, der ihnen im Internet, auf den Straßen und mit Attacken auf ihre Gotteshäuser entgegenschlägt. Sie fühlen sich im Stich gelassen, wenn über sie statt mit ihnen geredet wird und Islamfeindlichkeit als Islamkritik verharmlost wird. Und sie sind genervt, wenn sie täglich lesen müssen, wie ihre Religion ist oder zu sein hat, und wenn Politiker, Medien und alle möglichen Leute an „den Islam“ Anforderungen stellen.

Einen organisierten Islam gibt es nicht

Politik und bisweilen auch viele Medien glauben irrtümlicherweise, dass es ähnlich wie bei der Kirche oder dem Zentralrat der Juden Organisationen gibt, die für alle Muslime sprechen. Doch nur 20 Prozent der Muslime sind in Moscheegemeinden organisiert. Einen organisierten Islam mit Mitgliederverzeichnissen und Verbänden gibt es selbst in islamischen Ländern nicht. Einteilungen in liberale und konservative Muslime zwingen die Menschen dazu, sich zu einer dieser Richtungen zu bekennen, wobei Konservative mit Argwohn betrachtet werden. Die meisten Muslime wollen jedoch unabhängig von irgendwelchen politisierten Begriffen einfach nur ihre Religion ausüben.

Abseits der Debatten um Terrorismus, Salafismus und eine angebliche Islamisierung steht also die muslimische Zivilgesellschaft, deren Lebenswelt in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Doch die ist durchaus sehr aktiv und vielfältig: Es gibt die „Islamische Zeitung“, einen Rat muslimischer Studierender und Akademiker, das Avicenna-Studienwerk, das Hilfswerk „Muslime helfen“ und das Zahnräder-Netzwerk, das Muslime aus allen Gesellschaftsbereichen zusammenbringen will. Darüber hinaus gibt es Style-Islam – ein muslimisches Modelabel –, eine muslimische Comedygruppe namens Uma Lamo sowie I’Slam, einen muslimischen Poetry- Slam. Sie werden von Muslimen getragen, die in Deutschland geboren sind, sich mit dieser multikulturellen Gesellschaft identifizieren und sie reflektieren.

„Kulturen waren immer dann stark, wenn sie sich selbst in Frage stellten und Einflüsse von außen selbstbewusst aufnahmen, statt sich zu verkriechen oder sich immer nur zu beklagen“, sagte der Autor und Islamwissenschaftler Navid Kermani einmal in einem Interview mit dem Journalisten Eren Güvercin. Diese Haltung ist bei vielen Muslimen nach dem Terroranschlag in Paris erkennbar. Die muslimischen Verbände und zahlreiche Einzelpersonen haben sich sofort von dem Attentat ohne Wenn und Aber distanziert. Das war in der Vergangenheit, als etwa der niederländische Regisseur Theo van Gogh 2004 ermordet wurde, noch anders.

Innerislamische Herausforderungen

Für die Muslime stehen jetzt umso mehr innerislamische Herausforderungen an, die nicht einfach zu bewältigen, aber absolut notwendig sind. Schwierig ist es, weil die Moscheegemeinden in Deutschland sich ausschließlich über Spenden finanzieren. Bis auf die Imame stehen hinter der Gemeindearbeit nur Ehrenamtliche; die Ressourcen sind knapp. Die Imame kommen zumeist für drei bis fünf Jahre aus dem Ausland und kennen sich nicht mit den Problemen und der Lebenswelt der hier aufgewachsenen Muslime aus.

Aufgrund der fehlenden Alternativen auf Deutsch haben einige Jugendliche Zuflucht bei der salafistisch-wahabitischen Strömung gefunden, die ihnen ein vereinfachtes Weltbild präsentiert und die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilt. Die 7000 Salafisten, die der Verfassungsschutz zählt, sind zwar bei rund vier Millionen Muslimen in Deutschland eine geringe Zahl, es fällt vielen Moscheegemeinden jedoch schwer, damit umzugehen. Eine Alternative wären Gegenangebote im Internet. Eine Generation junger Theologen, die an den fünf Islaminstituten ihre Abschlüsse machen, fängt damit gerade an.

Dazu müsste es auch einen innerislamischen Dialog geben, losgelöst von der Islamkonferenz des Bundesinnenministeriums. Eine Debattenplattform, auf der Muslime aus allen Spektren weg von den Interessen der Verbände theologische und gesellschaftliche Fragen diskutieren. Die Etablierung eines solchen Forums wäre ein erster Schritt, um nicht in der Öffentlichkeit übereinander, sondern miteinander zu reden. Am Ende dieses Prozesses könnten gemeinsame Standpunkte stehen, die es möglich machen würden, den Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.

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