Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ergebnis einer Wahl: Kevin Prince Boateng hat sich gegen die deutsche Nationalmannschaft und für Ghana entschieden.
+
Ergebnis einer Wahl: Kevin Prince Boateng hat sich gegen die deutsche Nationalmannschaft und für Ghana entschieden.

Leitartikel

Heiliger Fußball, heiliger Krieg

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
    schließen

Zur WM gelingt es, die Attraktivität eines staatlichen Zusammenhalts zu zeigen. Zugleich werden Bürgerkriege entfesselt mit dem Ziel, die jeweiligen Länder gezielt zu entstaatlichen.

Ein zurückgewiesener Handschlag, ein weggetretener Ball – am Rande eines Fußballspiels zählt jede Geste. Und so wurde das Vorrundenspiel Deutschland gegen Ghana zu einem Bruderkampf zwischen Jerome und Kevin Prince Boateng stilisiert, der doch bloß von dem Kuriosum lebte, dass der eine für Ghana und der andere für Deutschland spielt. In dem zumindest eine Halbzeit lang zur Austragung gelangten Duell vergewisserte sich die bundesrepublikanische Öffentlichkeit ihrer integrationspolitischen Fortschritte. Oder war es doch nur ein wortreich sich artikulierendes Erstaunen darüber, dass die herkömmlichen Muster nationaler Identifikation längst ihre Geltung verloren haben?

Die aktuelle Fußballweltmeisterschaft in Brasilien jedenfalls entfaltet über das Sportspektakel hinaus ein buntes Prisma für das Zusammenspiel von moderner Wettbewerbskultur, forcierter Individualisierung und nationaler Zugehörigkeit. Junge Professionelle rennen, dribbeln und posieren im Namen einer multiplen Internationalität. Einmal mehr zeigt sich hier die enorme Anziehungskraft nationaler Zugehörigkeit, unter deren Flagge grandiose Siege gefeiert werden können, aber auch bittere Niederlagen durchlitten werden müssen.

Es gehört zu den vielleicht heilsamsten Qualitäten des Fußballs, dass es nach sportlichen Niederlagen, die als nationale Schmach und Katastrophe empfunden werden, auch wieder ein 0:0 gibt, mit dem alles von vorn losgehen kann.

Aber es gibt keinen Nullpunkt der nationalen Identität, auch wenn es zu der Erfahrung von immer mehr Menschen gehört, dass man in nationale Zusammenhänge nicht nur hineingeboren wird, sondern diese auch das Ergebnis einer mitunter schwierigen Wahl sein können. Wie Kevin Prince Boateng, der früher für Deutschland antrat und heute für Ghana spielt, haben es auch deutsche Jungnationalspieler wie Ashkan Dejagah (Iran) und Jermaine Jones (USA), und sei es aus sportlichen Erwägungen, vorgezogen, den DFB-Farben den Rücken zu kehren. Für sie stellte die Nominierung für eine deutsche Auswahlmannschaft letztlich nur ein vorübergehendes Angebot dar.

Selbstbehauptungskämpfe in Todesnähe

Dass sportlicher Erfolg als Identifikationsangebot nicht ausreicht, zeigt auf dramatische Weise aber auch das Beispiel des Burak K., der neben Kevin Prince Boateng mehrere Jugendnationalmannschaften des DFB durchlaufen hat, das Fußballspielen schließlich aber drangab und im Alter von 26 Jahren als islamitischer Kämpfer im syrischen Bürgerkrieg getötet wurde. Das Beispiel des Burak K. legt den Verdacht nahe, dass es manchmal nur Nuancen sind, die über die Wahl zwischen heiligem Fußball und heiligem Krieg entscheiden. Die steigende Zahl derer, die laut Verfassungsschutzbericht unter deutschen Jugendlichen für islamistisch motivierte Kämpfe rekrutiert werden, kann auch als Indiz dafür angesehen werden, dass der Islamismus den Charakter einer Jugendbewegung angenommen hat, in der Demutserfahrungen kompensiert und existenzielle Selbstbehauptungskämpfe in Todesnähe aufgeführt werden können. Und so gibt es durchaus ernst gemeinte soziologische Versuche, den Salafismus als eine Art Punk des Islam zu beschreiben.

Sicher, es führt kein direkter Weg aus prekären Lebenslagen und misslingender oder abbrechender sozialer Bindung zu den Kampfplätzen der Islamisten. Man wird sich jedoch mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass die neuen Kriegsschauplätze der Welt mitunter auch ein verführerisch heroisches Gegenbild zu den herkömmlichen Aufstiegs- und Bildungsprozessen hiesiger Zivilgesellschaften abgeben.

Fußball und Krieg geraten dabei in diesen Tagen in einen ganz und gar unmetaphorischen Zusammenhang. Während es zu Fußballweltmeisterschaften immer wieder gelingt, im Zeichen nationaler Stereotypen die Attraktivität eines staatlichen Zusammenhalts zu signalisieren, werden immer mehr ethnische Konflikte und politisch oder religiös motivierte Bürgerkriege entfesselt, zu deren Zielen es gehört, ganze Regionen ins Chaos zu stürzen und die jeweiligen Länder gezielt zu entstaatlichen. So unterschiedlich die Motivlagen und geopolitischen Ursachen der jeweiligen Konflikte und Kriege auch sein mögen, so lässt sich an ihnen doch das gemeinsame Ziel ausmachen, eine rasende Entwertung der staatlichen Ordnung zu betreiben. In diesem Kontext entfaltet sich auch die perfide Logik der terroristischen Boko Haram in Nigeria, nach der sie eine öffentliche WM-Übertragung zum Gegenstand einer mörderischen Attacke machte.

Auf die Staatsfeindschaft terroristischer Bewegungen haben die verantwortlichen Regierungen stets mit der Härte ihres Gewaltmonopols zu reagieren versucht. Es käme aber darauf an, mit bürgerlicher Souveränität und Staatsklugheit zu antworten. Anstelle eines wohlfeilen Abgesangs auf den Nationalstaat wird es darum gehen müssen, für eine in Bewegung geratene Weltbevölkerung sichere und attraktive Formen der Staatlichkeit zu entwickeln.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare