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„Heile, heile Gänsje, ’s wird alles wieder gut“, sang einst Ernst Neger.

Ernst Negers Fastnacht

Heile, heile Gänschen

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Wie die Fastnacht bei Opa die Erinnerungen weckte und wie Ernst Neger die Deutschen für ihre Geschichte tröstete. Die Kolumne

Eigentlich hätte ich bald wieder Grund, mich für einige Zeit auf eine abgelegene Insel zu verdrücken. Nämlich wenn die Mitmenschen einem angeblichen Bedürfnis nach etwas nachgehen, das sie „Frohsinn“ nennen – und Karneval feiern.

Kaum etwas stimmt mich betrüblicher als Sendungen wie „Hessen lacht zur Fassenacht“. Da finde ich zum Beispiel die österliche Übertragung des päpstlichen Urbi et Orbi bedeutend lustiger. Aber Fasching?

Ernst Neger und sein „Rucki Zucki“

Früher war das mal anders. Da versammelte sich die gesamte Familie vor dem Fernseher und verfolgte die Prunksitzung aus dem Kurfürstlichen Schloss zu Mainz. Ich fand das toll, denn ich durfte lange aufbleiben und leicht bekleideten Hupfdohlen unters Röckchen sowie stark dekolletierten Damen in den Ausschnitt gucken. Das macht etwas mit einem Knaben.

Noch beeindruckender aber fand ich einen Moment, der sich alljährlich wiederholte. Gegen später am Abend kam Ernst Neger. Der singende Dachdecker. Zuerst trällerte er Heiteres wie „Rucki Zucki“, was seine Anhänger in einen bedenklich epileptisch anmutenden Zappeltanz verfallen ließ.

Dann änderte sich die Stimmung. Ernst schlug einen Dreivierteltakt an und sang mit sonorer Stimme: „Heile, heile Gänsje, ’s wird alles wieder gut. Heile heile Mausespeck, in hunnert Jahr‘ is‘ alles weg“.

In Trümmern liegendes Deutschland

Da wusste ich: Gleich fängt Opa Karl an zu schniefen, dann zu schluchzen, dann zu weinen. Still, aber laut. Damals dachte ich, dem Opa Karl kämen die Tränen, weil das alles so rührselig war, und fühlte mich auch irgendwie berührt. Erst viel später erfuhr ich den wahren Hintergrund von Opas Traurigkeit.

Das Lied war seit Anfang der fünfziger Jahre eine Mutmachhymne für die vom Krieg gezeichnete Bevölkerung des in Trümmern liegenden Deutschland. Es bot Zuspruch für Opfer und Täter gleichermaßen und verschweißte beide zu einer Schicksalsgemeinschaft, der nichts anderes blieb, als aufrechten Hauptes in die Zukunft zu blicken.

Das Liedchen verfehlte nicht seine Wirkung. Schon wenig später wurden alle mopsig und feist und fraßen sich wonnig und wohlgemut durch die Wirtschaftswunderzeit. Königinpastete, Toast Hawaii und Russische Eier (höhnisch übrigens, wie beliebt dieses Gericht war, hatte man doch wenige Jahre zuvor fast 15 Prozent des sowjetischen Volkes ausgerottet) ließen die schlimme Zeit schnell vergessen und das Allerschlimmste verdrängen.

Ernsthaftes von Ernst Neger

Nur einmal im Jahr, an Fastnacht, ließ Ernst Neger mit seinem „Gänschen“ die Erinnerungen wieder hochkommen. Ob man dabei nur an das eigene Elend dachte oder vielleicht auch an das der jüdischen Nachbarn, die man untätig beobachtet hatte, wie sie von der Gestapo auf einen Lastwagen gepfercht wurden, das sei hier mal dahingestellt.

Ernst Neger hatte also ein ernstes Lied geschrieben, und noch heute wird es während der „tollen Tage“ immer wieder angestimmt, auch von den Jungen. Ob die den Hintergrund kennen? Oder kommt bald irgendein Fatzke auf die Idee, daraus eine Diskoversion zu machen? So wie aus „Bella Ciao“, das von einem verzweifelten Partisanen handelt, der seine Liebste verlässt, um in den Kampf gegen die Faschisten zu ziehen – und das nun in den Hüpfburgen am Ballermann und den alpenländischen Après-Skihütten zur Belustigung besoffener Fun-People dient?

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