Kolumne

Hausmittel gegen Terror

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Wenn es etwas Tröstliches gibt nach all den Attentaten, dann war es die grenzenlose Anteilnahme über Religionszugehörigkeiten hinweg.

Zum Glück besteht das Leben nicht nur aus Politik. Der israelische Wahlkampf ist vorbei. Der Koalitionspoker dürfte noch dauern. Vorerst regiert im ganzen Land der verspätet eingezogene Frühling. In den Hügeln von Galiläa, nahe dem See Genezareth, ist er besonders zauberhaft. Ich packe meine sieben Sachen und verschwinde für ein paar Tage dorthin, bevor mein Flieger zurückgeht nach Berlin.

Die gleiche Idee haben einige Palästinenser aus Ost-Jerusalem, die wegen des späteren, griechisch-orthodoxen Ostern in dieser Woche Ferien machen. Sie sind im gleichen Gästehaus einquartiert wie wir. Tagsüber macht jeder seins, abends wird gemeinsam gegrillt.

Was fehlt, wird in einem kleinen Laden vor Ort besorgt, in dem ein schläfengelockter Verkäufer bedient. Geradezu beglückt verfolge ich, wie freundlich das Verkaufsgespräch zwischen dem ultraorthodoxen Juden und seinen arabischen Kunden verläuft. Als ob für beide Seiten nichts selbstverständlicher wäre. Urlaub vom Konflikt. Geht doch.

In letzter Zeit bin ich geradezu süchtig nach Harmonie, nach multikultureller Verständigung, nach interreligiösem Respekt. Ohne wäre der Horror dieser Welt überhaupt nicht zum Aushalten, der sich festmacht an Pittsburgh, Christchurch, Sri Lanka. Eine Synagoge, zwei Moscheen, drei Kirchen, in denen Gläubige bei ihren Gebeten massakriert wurden.

Eine globale Spirale des Terrors mit über 300 Todesopfern in sechs Monaten: elf Juden, fünfzig Moslems, 250 Christen. Die grauenhafte Serie inspirierte im kalifornischen Poway den nächsten Nachahmer – einen 19-jährigen rechtsradikalen Antisemiten, der in eine Synagoge stürmte und eine Frau erschoss, als sie sich vor den Rabbiner stellte.

Man möchte eigentlich nichts lieber als abschalten. Aber selbst in der galiläischen Urlaubsidylle kommt nach dem Barbecue das verrückte Weltgeschehen auf den Tisch. Es geht hoch her. Über die Ursprünge des Terrors im Allgemeinen, über das ungelöste Palästina-Problem im Besonderen. Am Ende bleibt das Gefühl zurück, selber nichts tun zu können. Doch, sage ich, Mensch bleiben.

Wenn es etwas Tröstliches gab nach all den Attentaten, dann war es die grenzenlose Anteilnahme über Religionszugehörigkeiten hinweg. Die moslemischen Vertreter, die der jüdischen „Tree of Life“-Gemeinde in Pittsburgh Essen brachten. Das Blumenmeer vor den Moscheen in Christchurch aus Kondolenzsträuße der Neuseeländer diverser Glaubensrichtungen. Das solidarische Gedenken an die Opfer, zu dem sich in Sri Lanka Buddhisten und Baha’i, Moslems und Christen verschiedener Konfessionen zusammenfanden.

Zumindest darin ist sich die Tischrunde einig: In ihrem Wesen sind sich die mörderischen Fanatiker jeder Couleur verdammt ähnlich. Egal, ob es sich um weiße, rassistische Einzeltäter wie in Pittsburgh, Poway und Christchurch handelt oder um das Netzwerk des sogenannten Islamischen Staates, das in Sri Lanka zuschlug. Ihr Größenwahn speist sich aus dem Hass auf Minderheiten, Fremde, Andersgläubige.

Meine Empfehlung, sich schon deshalb nicht auseinander dividieren zu lassen, klingt schwer nach einem Hausmittel aus der Kräuterschublade zur Linderung eines Krebsgeschwürs. Ich ernte wohlwollende bis skeptische Blicke. Nun ja, als Deutsche hast du leicht reden. Stimmt, denke ich und lasse mir ein Stück selbstgebackenen Kuchen auftragen. Wir wollten schließlich eine Auszeit von der großen Politik nehmen.

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