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Die Berliner Mauer ist mittlerweile nur noch ein Kunstobjekt.

Einheitsfeier

Hauptsache, die Mauer ist weg

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Zu spät erkannter Krebs, „Bild“-Rufmord und VW-Skandal sind nur einige Beispiele, die die Feier zur Einheit ergänzen. In der DDR konnten sich Einzeltäter hinter dem Regime verstecken. Heute sind es die Schreibtischtäter der Konzerne. Die Kolumne.

Eigentlich ist ja mehr als genug geschrieben über die Jubiläumsfeierlichkeiten zum Verrecken der menschenverachtenden DDR. Darüber will drei Tage nach dem freudigen Ereignis keiner mehr was sehen, hören oder lesen. Außer denen, die daran verdient haben, versteht sich. Alle anderen wabern wieder hinein in ihr Tagfürtag im strahlenden Herbst im Lande der unermesslichen Liberté, Egalité und Fraternité, was so viel heißt wie Brüder, zur Sonne zur Freiheit. Aber das will ja auch wieder keiner mehr hören. Wollen wir nur hoffen, dass die respektablen Worte des Bundespräsidenten in seiner Rede zur Einheit nicht gleichermaßen in Vergessenheit geraten. Er nannte Deutschland ein „Einwanderungsland“. Das war groß, denn es ist richtig.

Also wollen wir mal hoffen, dass die Worte der DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley sich nicht ebenfalls wieder als richtig erweisen. Die sagte nämlich, „wir wollten Gerechtigkeit, doch wir kriegten einen Rechtsstaat“. Meinte sie damit, dass alles so weiterging, nur in einem anderen Gewand? Natürlich nicht, denn es gab nun Jacobs Krönung.

Und sonst? Dazu der in Halle an der Saale gebürtige Kabarettist Sebastian Nitsch: „Ich komme aus einem Land, in dem die Bürger abgehört wurden. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“ Hoppla, Sarkasmus. Wie meint der Mann das? Sollte also auch unsere segensreiche Bundesrepublik aus den Fugen geraten sein? Oder war sie etwa nie ordentlich eingefugt?

Weder noch. In der DDR wurde der Schlamassel en detail von oben verordnet, vermeintlich zum Wohle der Arbeiter und Bauern. Einzeltäter konnten sich bequem hinter dem Regime verstecken, denn Unrecht war Recht. Heute verbergen sich Schreibtischtäter nicht minder kommod hinter komplexen Konzernen und verrichten ihre Arbeit im Sinne der Unternehmensphilosophie, also der Maximierung des Gewinns und des vielgepriesenen Wachstums. Ist das besser?

Drei Beispiele von vielen: Die Manager bei VW, die aus Profit- und daran gekoppelter Profilierungssucht die Abgaswerte ihrer Vehikel fälschten. Die Folge: Tausende von Arbeitsplätzen sind gefährdet, was ebenso viele Existenzen zerstören kann.

Wir gehen zum Journalismus. „Bild“-Zeitung, vergangene Woche. Ein einzelner Redakteur bläst zur Hetzjagd auf einen Mann, der längst verurteilt ist. In volksnahem Schreibstil suggeriert er den Massen, der Mörder Magnus Gäfgen lebe im Knast wie im Paradies. Er nennt sogar Gäfgens neuen Namen, der ihn eigentlich schützen sollte. Das ist Rufmord. Die Folge: Millionen von hasserfüllten „Bild“-Lesern bilden die Gesellschaft, die künftig Häftlingen nach Verbüßung ihrer Strafe zur Resozialisierung verhelfen soll.

Noch ein anderer Schauplatz: Der Magenkrebs einer Bekannten wurde viel zu spät erkannt. Eine Operation ist nicht mehr möglich, sie wird bald sterben. Die 39-Jährige nahm sich einen Anwalt, der drei Ärzte des Pfuschs überführte. Das ist schlimm, aber das kann passieren. Der eigentliche Skandal: Der Sachbearbeiter der Versicherung bot nun generös eine einmalige Zahlung von 5000 Euro Schadensersatz an. 5000 Euro für das Leben einer jungen Frau. Wie kann der Mann abends ruhig einschlafen? Egal. Hauptsache, Mauerschützen und Todesstreifen sind weg.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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