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Der Kölner Kardinal Joachim Meisner am 23.01.2014 in Köln.
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Der Kölner Kardinal Joachim Meisner am 23.01.2014 in Köln.

Leitartikel

Hassprediger ohne Basis

  • Christian Bommarius
    VonChristian Bommarius
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Kardinal Meisner hat einmal mehr bewiesen, dass er für Ausgrenzung statt Toleranz steht. Bei der Wahl seines Nachfolgers kann der Papst zeigen, wie offen seine Kirche sein soll.

Wer also“, hat vor einigen Jahren ein bedeutender Kirchenmann gesagt, „jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung.“ Wie richtig Papst Benedikt XVI. vor acht Jahren mit diesen Worten lag, ist ihm damals ungewollt umgehend bestätigt worden. Denn seine berühmt gewordene Regensburger Rede wurde von etlichen Vertretern des Islam als „Hasspredigt“ gegen ihren Glauben, von Ayatollah Chamenei sogar als „letztes Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug“ verstanden, präziser gesagt: missverstanden. Zwar gelang es Papst Benedikt recht schnell, die Wogen zu glätten, aber eben diese Reaktionen haben damals seine Behauptung nachdrücklich bestätigt: Wer andere für seinen Glauben gewinnen will, der sollte zumindest reden können.

Katholische Familienpolitik und islamophobe Diskriminierung

Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln und Metropolit der Kölner Kirchenprovinz, kann anklagen und verurteilen, eifern und verdammen – reden kann er nicht. Er muss es auch nicht können. Wer sein Wirken als Kardinal in den vergangenen Jahren verfolgt hat, der weiß, dass hier einer keineswegs für seinen Glauben werben, andere für ihn gewinnen will, vielmehr umgekehrt: Er macht die Kirche zur Festung, die Kanzel zum Schützengraben und die Rede zur Waffe, die er gegen jeden richtet, der sich weigert, die Kirche als Festung, die Kanzel als Schützengraben und die Rede als Waffe zu betrachten – also gegen jeden Christen, dem das Wohl der Menschen mehr am Herzen liegt als er, der Christ, dem katholischen Dogma zu Füßen.

Wäre Kardinal Meisner ein islamistischer Imam, würde man ihn Hassprediger nennen. Aber er zeigt uns, dass man zu diesem Ruf geräuschvoll auch als Kardinal gelangen kann. Vor einigen Tagen hat er vor Gläubigen der katholisch-konservativen Bewegung Neokatechumenaler Weg gesprochen: „Ich sage immer, eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien.“ Hier kommt zusammen, was für den Kardinal offenbar zusammengehört – katholische Familienpolitik und islamophobe Diskriminierung –, es fehlt eigentlich nur ein Gedanke zur Überlegenheit der christlich-germanischen Kultur.

Der Mann hat sein Werk vernichtet

Die Aufregung, die diese Äußerung hervorgerufen hat, scheint bei Kardinal Meisner angekommen zu sein. Jedenfalls teilt er mit: „Meine Wortwahl war in diesem Fall vielleicht unglücklich.“ Aber was heißt in diesem Fall? Erstens behauptete der Kardinal vor den Gläubigen, „immer“ zu sagen, was er ihnen sagte. Zweitens ist die Behauptung keine Übertreibung, dass er sich nicht nur in diesem Fall für eine unglückliche Wortwahl entschied, vielmehr seine Karriere als Kirchenfunktionär kaum anderes als eine Kette unglücklicher, unseliger, katastrophaler Wortwahlen war, davon ihm die letzte ohne weiteres die Zustimmung des islamophoben Blogs „Politically Incorrect“ (PI) eintragen dürfte. Unvergessen bleibt sein Vergleich von Schwangerschaftsabbruch und Holocaust. Unvergessen auch die Aufforderung an die CDU, gefälligst das „C“ aus dem Parteinamen zu entfernen. Vergessen sind allerdings die Gründe, warum so einer zum Kardinal aufsteigen konnte.

Meisner wird demnächst altersbedingt – Ende vergangenen Jahres wurde er 80 – als Kardinal zurücktreten. Aber er tritt als Kölner Kardinal zurück, nicht als Kardinal der Kölner. Das ist er nie gewesen. Erzbischof von Köln ist er 1989 geworden, weil Papst Johannes Paul auf der Wahl seines Gefolgsmannes bestand und diese nur gegen den heftigsten Widerstand in der Diözese – die größte Deutschlands und die reichste der Welt – durchsetzen konnte. Zu seiner Amtseinführung sagte Meisner damals: „Sie wollten mich nicht, ich wollte sie nicht, also haben wir eine gemeinsame Basis.“ Auf dieser Basis hat der Mann sein Werk ein Vierteljahrhundert verrichtet; sie hätte sich auch für einen Großinquisitor geeignet.

Von der Nachfolge Meisners hängt viel ab

Die Basis, auf der und mit der Kardinal Meisner nie gearbeitet hat, war die Basis seiner Diözese. Die Basis, die ihn damals nicht wollte, wollte ihn nicht bis zum Schluss. Eine Laien-Initiative befragt derzeit die Gläubigen, wie der Nachfolger beschaffen sein müsste, um in Köln als Erzbischof willkommen zu sein. Als Eigenschaften stehen fast ausschließlich solche zur Wahl, die Meisner fehlen: Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Team- und Kritikfähigkeit, Dialogbereitschaft, Mut, Glaubwürdigkeit oder auch Humor.

Von der Entscheidung über die Nachfolge Meisners hängt mehr ab als das Glück der Kölner Gläubigen. Papst Franziskus wird zeigen müssen, was er unter Kirchenreformen versteht. Die von ihm versprochene Öffnung der Kirche muss mehr sein als sympathische Kanzelrede und volksnaher Lebenswandel des Papstes. Zur Öffnung gehört, die Türen aufzusperren und die Menschen eintreten zu lassen. Dazu gehört, die Menschen entscheiden zu lassen, wer sie hineinführen soll. Der nächste Erzbischof sollte in Köln gewählt, nicht von Rom bestimmt werden.

Christian Bommarius

Gottvertrauen und Ignoranz, Demut und Arroganz: Die postum veröffentlichten Erinnerungen des Joachim Kardinal Meisner. Mit Kanzlern und der Kanzlerin hatte er es nicht so.

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