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Früher wurde sich mit Bierkrügen geprügelt - das kommt heutzutage seltener vor. 

Hass im Netz

Gewalt: Früher wurde gekloppt, heute wird gemobbt

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Wo ist sie hin, die Gewalt? Wer früher zum Bierkrug griff, tobt sich heute vielleicht im Internet aus. Aber macht das die Sache besser? Die Kolumne.

Eigentlich zweifelt man ja nicht an der Aussage, wenn man sie im Vorübergehen aufschnappt. „Klar gibt es heute mehr Gewalt“, denkt man sich dann, „ist doch logisch, sieht man doch überall.“ Aber stimmt das wirklich?

Im häuslichen Umfeld jedenfalls waren viele Menschen schon mal unsicherer als heute. Die Vergewaltigung der Ehefrau durch den eigenen Ehemann war lange Zeit nicht strafbar und wurde deswegen nicht mal statistisch erfasst, geschweige denn geahndet. Prügelstrafe galt als legitime Erziehungsmaßnahme, und selbst in der Schule verteilten die Lehrer neben Noten und Verweisen auch Ohrfeigen und Backpfeifen.

Messerstechereien waren an der Tagesordnung

Warum haben Bierkrüge kleine Kerben im oberen Rand? Früher war es in Wirtshäusern gute Sitte, im Zuge fortgeschrittener Geselligkeit dem Thekennachbarn einen Krug über den Schädel zu ziehen. Nach Hunderttausenden schwerverletzter Stammgäste ersann man schließlich diese Kerbe, die als Sollbruchstelle größeres Unheil verhindern sollte – was häufig nur bedingt gelang. Dennoch bezeichnete man solche Orgien heftigster Körperverletzung gerne als „zünftig“.

Ebenfalls sozialromantisch arg besudelt und gleichsam an der Tagesordnung waren Messerstechereien. Man denke nur an Legenden wie Brechts Mackie Messer. Brutale Banden marodierten nämlich nicht wie heute in Vorstandsetagen und auf Weltmärkten, sondern in düsteren Rotlichtvierteln nahe Häfen und Bahnhöfen, wo Unbescholtene – so sie sich nicht sorgsam vorsahen – denn doch rasch mal zwischen die Linien gerieten.

Frankfurter Bahnhofsviertel gilt mittlerweile als cool

„Wenn du in diese Kneipe reinwillst, musst du zuerst den Hut reinhalten. Wenn dann kein Messer drinsteckt, kannste hinterher“, lautete einst ein wichtiger Wink im Milieu. Heute sind solche Lokale weitgehend befriedet, viele gelten gar als cool und werden gerne von der ansässigen Hipsteria aufgesucht, ebenso wie das gesamte Frankfurter Bahnhofsviertel oder die Hamburger Reeperbahn.

Doch wo ist sie hin, die Gewalt? Auf den Fußballplatz, liest man immer wieder. Aber wurde dort früher weniger gehauen als heute? Auf alle Fälle hatte niemand ein Telefon dabei, mit dem er auch Filme drehen konnte. Und es gab kein Netz, in dem man die Szenen weltweit ansehen konnte. Aber weniger Prügel? Zweifel sind auf alle Fälle angebracht.

Anonyme Brutalität im Netz

Eines aber lässt sich mit Gewissheit sagen: Zugenommen hat die Brutalität gegenüber Menschen, die früher als Respektspersonen galten. Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute, Gerichtsvollzieher und gewiss auch Schiedsrichter werden immer öfter das Ziel von widerwärtigen Anfeindungen. Nicht, weil sie Böses getan haben, sondern weil sie schlicht durch das Verrichten ihres Jobs bei anderen das Gefühl erwecken, sie in ihrem armseligen, egomanen Stückchen Scheinfreiheit zu beschneiden.

Und das führt direkt zur größten Problematik der Neuzeit. Denn mit noch größerer Gewissheit lässt sich feststellen: Am meisten angestiegen ist die anonyme Brutalität im Netz. Das beginnt auf dem Schulhof und endet noch lange nicht in den besten Kreisen von Politik und Gesellschaft.

Früher wurde gekloppt, heute wird gemobbt. Man kann einen Menschen durch gezielte Verunglimpfungen mehr verletzen als durch Faustschläge. Das einzig Gute daran: Auch körperlich Schwächere haben heute eine Chance. Das macht das Ganze aber nicht besser.

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