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Soziale Medien verdienen am Hass im Netz. 

Hassreden

Facebook, Twitter und Youtube:  Hassattacken sind gut fürs Geschäft

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Facebook, Twitter und Youtube verbreiten zunehmend Hassreden und wollen für nichts verantwortlich sein. Wer im Netz die Rechte anderer verletzt, muss unbedingt belangt werden.

Land und Leuten stockte der Atem. Wie um alles in der Welt kann ein Mensch den Mord an einem anderen Menschen öffentlich gutheißen? Man schrieb den 25. April 1977. In einer Göttinger Studentenzeitung war ein anonymer Nachruf auf das RAF-Opfer Siegfried Buback erschienen. Er könne „eine klammheimliche Freude nicht verhehlen“, schrieb da ein gewisser „Mescalero“; so hießen seinerzeit die linksradikalen „Stadtindianer“.

Die Fassungslosigkeit der damaligen Bundesrepublik hat aus heutiger Sicht fast etwas Goldiges. Schon wegen eines Pamphlets an einer Uni, verteilt in einer Auflage von ein paar Tausend Stück, sprach man von Zivilisationsbruch. Heute haben wir uns an andere Kaliber gewöhnt. Ganze Gruppen von Hetzern gefiel es soeben, den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nachträglich zu treten und zu beleidigen, als „Drecksau“ und „Ratte“. In einem Kommentar auf YouTube hieß es, es sei „gut, dass das Schwein tot ist“. All dies geschah vor einem Millionenpublikum.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat erspürt, dass es Zeit ist für eine Gegenbewegung. Er verlangt eine „Ethik der Digitalisierung“. Hier geht es nicht allein um ein Thema für den Kirchentag, es ist ein Thema für den Bundestag und für das Europäische Parlament.

Anonymität plus Unmenschlichkeit: Was im Jahr 1977 in Deutschland alle schaudern ließ, wird heute oft achselzuckend hingenommen. Schlimmer noch: Es ist inzwischen Teil eines zynischen weltweiten Geschäftsmodells. Jede Hassattacke und jede nachfolgende Aufwallung füllt den globalen Netzwerken die Kasse. Facebook, Twitter und Youtube sind inzwischen zu Mescalero-Medien geworden. Sie verbreiten zunehmend radikale Inhalte, sie unterstützen die Anonymität der Autoren – und sie wollen am Ende für nichts verantwortlich sein.

Bei jeder kleinen Regionalzeitung in Deutschland muss es laut Gesetz jemanden geben, der für die Inhalte geradesteht; Hassreden oder anonyme Leserbriefe werden erst gar nicht gedruckt. Im Netz dagegen kann jemand de facto folgenlos beleidigt und sogar bedroht werden. Alle zucken dann die Achseln: Niemand weiß ja, wer dahinter steckt.

Die EU ist gefragt, das Thema ist eines der wichtigsten in den kommenden fünf Jahren. Die US-Konzerne ahnen schon, dass sich etwas zusammenbraut. Mit großem Ernst kamen jüngst in Paris Regierungschefs aus aller Welt zu einer Konferenz zusammen, bei der über die negativen Einflüsse der Internetnetzwerke auf die Demokratie und auf das friedliche Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft gesprochen wurde. Den eindrucksvollsten Vortrag hielt Jacinda Ardern, die Ministerpräsidentin Neuseelands, die es bis heute nicht verwunden hat, dass der Massenmörder von Christchurch seine Bilder live auf Facebook senden konnte.

Die Manager der globalen IT-Giganten können sich, ebenso wie europäische Radikale und Anarchos aller Couleur, schon mal auf eine Debatte einstellen, die sie nicht gewinnen werden. Denn eine konservativ klingende, aber dennoch zukunftsweisende Idee findet derzeit immer mehr Anhänger: Wer im Netz die Rechte anderer verletzt, muss ebenso belangt werden können wie in der analogen Welt.

Man muss nicht gleich die Klarnamenpflicht einführen, wie es unter anderem Emmanuel Macron und Wolfgang Schäuble verlangen. Denkbar sind aber Systeme, bei denen die Identität des Teilnehmers zumindest gegenüber dem Plattformbetreiber zweifelsfrei nachgewiesen werden muss, bevor jemand einen Account eröffnet und sich an ein Millionenpublikum wendet. Bei Rechtsverstößen können dann Straf- oder Ziviljustiz effektiv gegen den Verursacher vorgehen.

Plötzlich würde damit, ein Novum, die Achtung vor den Rechten anderer eine Rolle spielen. Nichts könnte besser die von Hochmut und Egozentrik getriebenen neuen Hassmaschinen bremsen. Über Details mag noch viel gerungen werden. Eins aber ist klar: So wie bisher geht es nicht weiter.

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